Wenn dein Kiefer festhält, passt er auf dich auf

Kaum ein Satz ist mir im Unterricht so oft begegnet wie dieser: "Mein Kiefer ist immer so fest." Und meistens kam gleich danach die Frage, wie man das endlich wegbekommt. Ich verstehe diesen Wunsch total. Aber ich möchte dir heute einen anderen Blick darauf anbieten, denn dein Kiefer hält nicht einfach so fest. Er hat einen richtig guten Grund dafür.

DEIN KIEFER IST EIN KRAFTPAKET

Hast du gewusst, dass der Kaumuskel, der Masseter, gemessen an seiner Größe der stärkste Muskel im menschlichen Körper ist? Beim normalen Kauen bringt unsere Kaumuskulatur eine Kraft von etwa 400 bis 500 Newton auf, und diese Kraft kann sich sogar noch vervielfachen.

Und noch etwas finde ich wunderschön: Der Masseter bildet zusammen mit einem zweiten Kaumuskel eine Muskelschlinge, in der der Unterkiefer regelrecht aufgehängt ist. Dein Unterkiefer liegt also nicht einfach fest am Schädel, sondern schwebt in einer Art Hängematte aus Muskeln. Wenn diese Muskeln loslassen dürfen, kann er ganz leicht nach unten sinken.

DEINE ZUNGE IST GRÖSSER, ALS DU DENKST

In meinem zweiten Atemartikel habe ich schon mal geschrieben, wie riesig die Zunge eigentlich ist. Sie füllt bei geschlossenem Kiefer fast die ganze Mundhöhle aus. Ihre Muskelfasern laufen in alle möglichen Richtungen, und genau deshalb ist sie so unglaublich beweglich und kann ihre Form auf ganz viele Arten verändern.

Und jetzt kommt der Teil, der für uns Sänger:innen so spannend ist. Die Zungenwurzel ist am Zungenbein befestigt, und das Zungenbein ist über Muskeln und Bänder mit dem Kehlkopf verbunden. Deine Zunge und dein Kehlkopf sind also Nachbarn, die sich ständig gegenseitig beeinflussen. Was deine Zunge tut, spürt deine Stimme sofort.

FESTHALTEN IST SCHUTZ

Und damit sind wir beim Kern. Dein Körper hat ein wunderbares Schutzsystem, und Kiefer und Zunge gehören ganz vorne dazu. Wenn du schnell oder überrascht einatmest, geht die Zunge reflexartig ein Stück nach hinten. Das ist kein Fehler, das ist Schutz. Genauso hält der Kiefer fest, wenn dein System gerade das Gefühl hat, aufpassen zu müssen.

Ich stelle mir das gern wie eine Reihe von Toren vor. Ganz innen, an der tiefsten Stelle, liegen die Stimmlippen, die innerste Schutzzone. Davor liegen der Rachen, die Zunge, der Kiefer und die Lippen. Und all diese Tore dürfen sich öffnen, sobald dein System sich sicher fühlt.

Das bedeutet auch, dass Loslassen nicht mit Kraft funktioniert. Einen Kiefer, der dich schützen will, kannst du nicht aufzwingen. Aber du kannst ihm zeigen, dass gerade alles gut ist, und dann darf er ganz von allein nachgeben.

DER KIEFER MÖCHTE SICH ÖFFNEN

Was ich im Unterricht immer wieder so schön finde, ist dieser Moment: Wenn wir mit dem ganzen Körper arbeiten und zum Beispiel ein Knie hoch anheben, möchte sich der Kiefer an einem bestimmten Punkt ganz von selbst öffnen. Das ist ein Impuls aus dem Nervensystem, kein Befehl, den du dem Muskel gibst.

Dein Kiefer ist also gar nicht dein Gegner. Er ist Teil einer großen Bewegungskette, und wenn dein Körper aufgerichtet, wach und in Bewegung ist, bekommt er ganz oft von selbst das Signal, dass er loslassen darf. Öffnung entsteht dann nicht, weil du sie machst, sondern weil sie sich ergibt.

ZUM NACHDENKEN

Vielleicht magst du diese Fragen einfach eine Weile mit dir herumtragen: In welchen Momenten spürst du deinen Kiefer besonders deutlich? Was könnte dein Körper in diesen Momenten gerade schützen wollen? Und wie würde es sich anfühlen, deinem Kiefer beim Singen nicht zu sagen, dass er loslassen soll, sondern ihm einfach zu zeigen, dass er es darf?

IM ORBIT BEKOMMT DIESES THEMA EINEN GANZEN MONAT

Genau daran arbeiten wir im Orbit einen ganzen Monat lang. Im VocalRelease geht es um Kiefer und Zunge, um die Schutzsysteme deines Körpers und darum, wie viel Raum für deine Stimme entsteht, wenn das Festhalten nicht mehr nötig ist.

Wenn du neugierig geworden bist, frag deinen Platz an. Wir sprechen dann zwanzig Minuten und schauen, ob der Orbit für dich passt.

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Singen ist nicht dasselbe wie Ausatmen