Die “RICHTIGE” Atmung (2)
Es ist mal wieder Zeit, sich mit der Atmung zu befassen. Nach dem ersten Artikel haben mich einige Rückmeldungen, Fragen und Gedanken von euch erreicht. Vielen Dank für euer Interesse, eure Neugier und dafür, dass ihr eure Erfahrungen geteilt habt. Es ist so schön zu sehen, wie offen ihr die Impulse aufnehmt und wie engagiert ihr sie für euch ausprobiert.
Aus diesen Nachrichten habe ich ein Thema herausgegriffen, das besonders häufig genannt wurde oder nach einer Vertiefung gerufen hat: “Was ist für das Singen günstig? Soll ich durch die Nase oder den Mund einatmen?”
Diesem Thema möchte ich mich in diesem Blogartikel widmen, wieder ganz praktisch, forschend und mit Raum für das eigene Erleben.
Wenn du den ersten Teil noch nicht gelesen hat, dem empfehle ich, dort zu starten und danach hier weiterzumachen.
Aber hey, du bist ja schon groß. 😉 Entscheide selbst.
NaseNAtmung vs. Mundatmung
Wenn wir über Atmung sprechen, lohnt es sich zuerst einmal ganz schlicht hinzuschauen, wie die Luft überhaupt in den Körper kommt. Im Grunde haben wir drei Möglichkeiten. Die oberen Atemwege sind Nasenraum, Mundraum, Rachenraum bis zu den Stimmlippen. Ab den Stimmlippen sind wir in den Unteren Atemwegen.
Wir können durch die Nase ein- und ausatmen.
Wir können durch den Mund ein- und ausatmen.
Und wir können durch Nase und Mund gleichzeitig ein und ausatmen, inklusive verschiedener Kombinationen. Manche davon fühlen sich erstaunlich stimmig an, andere so als würde es nicht funktionieren. Auch das ist schon eine spannende Beobachtung.
Hinweis für Asthmatiker:
Wenn sich eine Übung plötzlich eng oder unangenehm anfühlt, bleib ruhig. Dieses Gefühl von „Ich bekomme nicht genug Luft“ kann schnell Stress oder sogar Panik auslösen, auch wenn eigentlich ausreichend Luft da ist. Dann den Mund öffnen und ein paar Mal bewusst und großzügig durch den Mund ein- und ausatmen. Damit bekommt der Körper sofort die Rückmeldung: Es ist alles okay, ich bin gut versorgt. Danach kannst du in Ruhe entscheiden, ob du weitermachen möchtest oder ob es für den Moment genug ist.
Wie immer gilt:
Es gibt kein richtig oder falsch. Nichts bewerten, nichts erzwingen. Beobachten, ausprobieren, wahrnehmen. Genau dort beginnt echte Körper-und Stimmarbeit.
Nasen Atmung
Schüler:innen kennen sie schon, meine berüchtigten anatomischen Zeichnungen.
Diesmal habe ich mir allerdings etwas mehr Mühe gegeben. Um wirklich zu verstehen, was wir da tun, ist es hilfreich, überhaupt ein Bild davon zu haben, wie es in der Nase aussieht. Denn die Nase ist nicht nur das, was vorne im Gesicht herausragt. Sie reicht weit in den Schädel hinein.
In der Nase gibt es drei Kammern, die untere, die mittlere und die obere Nasenkammer. In der Zeichnung sind sie durch die dunkleren Linien angedeutet. Für die Übung habe ich außerdem schon ein paar Wege eingezeichnet. Die darfst du erst einmal einfach ignorieren.
Was man hier ebenfalls erkennen kann (und falls nicht, liegt es an meinen Zeichenkünsten und es lohnt sich wirklich ein Blick in einen Anatomieatlas) ist der Unterschied zwischen hartem und weichem Gaumen. Der harte Gaumen enthält eine knöcherne Struktur, während es nach hinten hin weicher wird. Dort befindet sich ein muskelreiches, sehr fein bewegliches Gewebe. Der weiche Gaumen hängt beim Einatmen durch die Nase nach unten, damit die Luft nach hinten in den Rachenraum strömen kann.
Beim Singen ist es wünschenswert, dass dieser Bereich wieder verschließt. Aber auch hier gilt, das ist kein allgemeingültiges Muss. Manche Sänger:innen nutzen ganz bewusst einen geöffneten Weg in den Nasenraum für ihren Klang. Udo Lindenberg oder Jan Delay sind gute Beispiele dafür.
Ebenfalls spannend, auch wenn für unser jetziges Experiment nicht zentral, ist die Lage der Wirbelsäule. Direkt hinter der dünnen Schluckmuskulatur im Rachen verläuft sie. Wenn du vor dem Spiegel den Mund öffnest und bis ganz nach hinten schaust, blickst du im Grunde auf deine eigene Wirbelsäule. Das ist vielen nicht bewusst. Ich wollte es trotzdem einmal erwähnen, einfach als kleinen faszinierenden Side Fact. 😉
Und noch etwas ganz Wichtiges zum Schluss: Nimm dir Zeit und feiere dich für alles, was du wahrnimmst.
Diese feinen Unterschiede überhaupt spüren zu können, ist alles andere als selbstverständlich. Wahrnehmung in dieser Differenzierung entsteht nicht über Nachdenken, sondern über Zeit, Aufmerksamkeit und Erfahrung.
Mit regelmäßigem Training wird das immer leichter und auch immer detaillierter. Bereiche, die sich heute vielleicht nur vage zeigen, werden klarer, vertrauter und besser steuerbar. Und wenn das Ganze dann auch noch Spaß macht und in deinem Körper positiv besetzt ist, passiert Lernen fast von selbst.
Juhuu !
Also, Los Geht’S:
Falls du gerade aufgestanden bist, oder lange gesessen bist, oder gedanklich gerade ganz woanders warst, empfehle ich dir wieder in alle deine Gelenke zu spüren, so wie im Die “RICHTIGE” Atmung - Artikel beschrieben. Dann bist du bereit auch Dinge wirklich wahrzunehmen. Falls du andere Varianten für dich schon gefunden hast um bei dir anzukommen, mach diese.
Wiederhole jeden der folgenden Schritte so oft, bis du etwas bemerkst.
Experiment 1: Gewohnheit
Atme ausschließlich durch die Nase eine große Ein- und Ausatmung. Hier ist es wichtig groß aber sanft einzuatmen, denn dann werden die Unterschiede deutlicher spür- und später auch hörbar. Nimm wahr, welchen Weg sich die Luft durch deinen Schädel bahnt. Vielleicht spürst du einen Luftzug oder eine leichte Kühle. Vielleicht helfen dir auch kleine Geräusche dabei, den Weg der Luft zu lokalisieren. Kannst du bemerken, wie die Luft hinter dem weichen Gaumen in den Rachenraum und weiter in Richtung Stimmlippen strömt?
Wenn du in den oberen Atemwegen etwas wahrnehmen kannst, lenke deine Aufmerksamkeit anschließend weiter nach unten in die unteren Atemwege. Was kannst du dort beobachten?
Was bewegt sich, weil du atmest? Versuche dabei bewusst, nicht mit erlernten Vorstellungen von richtig oder falsch einzugreifen. Interessant ist nicht, wie es sein sollte, sondern was dein Körper gerade von selbst tut.
Bewegen sich die Schulterblätter?
Bewegen sich die Schlüsselbeine?
Hebt oder weitet sich der Brustkorb vorne? Spürst du eine Bewegung im Rücken?
Füllt sich die Lunge eher im oberen Bereich oder weiter unten?
Strömt die Luft zuerst nach oben und breitet sich dann nach unten aus oder ist es genau andersherum?
Wie schnell/langsam füllt sich dir Lunge?
All diese Fragen zielen nicht auf ein bestimmtes Ergebnis. Sie geben dir lediglich Anhaltspunkte, worauf du deine Aufmerksamkeit richten kannst. Das, was du jetzt bemerkst, kannst du später im Experiment mit anderen Erlebnissen vergleichen.
Wenn du jetzt eine Idee hast, wie dein Körper auf diese Nasenatmung reagiert, singst du nach der nächsten großen Einatmung einen Ton oder eine Tonfolge.
Hör dir genau zu, so dass du später vergleichen kannst. Falls du Worte dafür suchst, um das Gehörte einzuordnen, auch dazu findest du Ideen im ersten Blogartikel zur Atmung.
Experiment 2: UntereR Nasengang
Atme nun erneut eine großzügige Einatmung durch die Nase und versuche, dem ersten Weg in der Zeichnung zu folgen. Möglicherweise braucht es dafür ein sehr langsames Einströmen der Luft. Lade die Einatmung so ein, dass die Luft möglichst am unteren Rand des Naseninnenraums entlangfließt.
Falls dir das schwerfällt, kannst du dir kurz vorstellen, du wärst an einem Ort, an dem es nicht gut riecht, und würdest versuchen, möglichst wenig wahrzunehmen. Diese Vorstellung kann helfen, hat aber einen kleinen Haken: Sie ist von vornherein eher negativ gefärbt. Das braucht diese Art der Atmung gar nicht. Sobald du spürst, dass die Luft ihren Weg unten entlang findet, lass das Bild wieder los und schau, ob es auch ohne funktioniert.
Wenn der obere Atemweg jetzt klarer wahrnehmbar ist, richte deine Aufmerksamkeit wieder auf die unteren Atemwege. Wie zeigt sich die Atmung dort? Was kannst du beobachten?
Stelle dir die selben Fragen wie in Experiment 1.
Vergleiche diese Wahrnehmung anschließend mit deiner gewohnten Nasenatmung. Was ist anders?
Wenn du jetzt eine Idee davon hast, wie dein Körper auf diese Nasenatmung über den unteren Nasengang reagiert, singe nach der nächsten großen Einatmung einen Ton oder eine kleine Tonfolge. Höre dabei genau hin und vergleiche wieder mit deiner gewohnten Nasenatmung. Was fällt dir auf? Und erinnere dich daran, nicht in besser oder schlechter zu denken, sondern neugierig zu bleiben.
Experiment 3: Oberer nasengang
Atme wieder eine große Einatmung durch die Nase und streiche währenddessen mit einem Finger sanft auf deinem Nasenrücken nach oben. (Starte an der Nasenspitze und du endest auf dem Nasenrücken zwischen den Augen.) Kannst du bemerken wie der Atem jetzt ganz oben in der Nase durch den obersten Nasengang fließt (auf dem Bild Weg 2). Sie führt am Riechkolben vorbei. wenn dir das schwerfällt zu lenken, tue so als ob du an etwas unfassbar gut duftendem riechst. Dann lenkt dein Körper es von ganz alleine oben am Riechkolben vorbei.
Sobald dir der Weg in den oberen Atemwegen bewusst ist, lenke deine Aufmerksamkeit wieder auf die unteren Atemwege. Wie in den beiden vorherigen Durchgängen, richte deine Aufmerksamkeit wieder auf einige Fragen. Wie zeigt sich die Atmung jetzt? Was kannst du beobachten?
Stelle dir die selben Fragen wie in Experiment 1.
Vergleiche diese Wahrnehmung mit den beiden anderen Nasenatmungen. Was ist anders?
Wenn du jetzt eine Idee davon hast, wie dein Körper auf diese Nasenatmung über der obere Nasengang reagiert, singe nach der nächsten großen Einatmung einen Ton oder eine kleine Tonfolge. Höre dabei genau hin und vergleiche wieder mit deiner gewohnten Nasenatmung und diesmal auch mit der Nasenatmung durch den unteren Nasengang. Was fällt dir auf? Und erinnere dich daran, nicht in besser oder schlechter zu denken, sondern neugierig zu bleiben.
Erklärung
Atmen ist alles andere als passiv. Beim Einatmen arbeitet dein Körper aktiv. Das Zwerchfell zieht sich zusammen, die Bauchdecke kann sich nach außen wölben, und die äußeren Zwischenrippenmuskeln, zum Beispiel die Scaleni am Hals, stabilisieren die Luftwege. Vielleicht spürst du sogar eine feine Aktivität seitlich am Hals. Die Ausatmung passiert dagegen größtenteils von allein. Die Lungen ziehen sich durch ihre Elastizität zurück, die Aktivität rund ums Brustbein lässt nach, und je nachdem, wie du sitzt, spielt auch die Schwerkraft eine Rolle.
Jetzt wird es spannend, denn je nachdem, wie wir einatmen, reagiert der Körper unterschiedlich. Auch das Zwerchfell verhält sich nicht immer gleich. Es ist ein Muskel, der kontrahieren kann, sich also verkürzt, und zwar auf unterschiedliche Weise. Entscheidend ist dabei, wo sich das Punctum fixum und wo das Punctum mobile befinden. Das bedeutet: je nachdem, welchen Weg die Einatmung nimmt, wird ein anderes Bewegungsprogramm im Körper angestoßen. Das Zwerchfell kontrahiert dann unterschiedlich, und genau das hat Auswirkungen auf die Stimme. Vielleicht hast du das bereits wahrgenommen.
Der untere Nasengang ist der größte und ist damit automatisch meistens der Weg reguläre Atemweg, außer wir wollen etwas riechen. Bei der Atmung durch den unteren Nasengang reagieren die unteren Rippen etwas stärker. Die Bauchdecke gibt nach, und es entsteht ein Gefühl von Weite im unteren Rumpf. Das Zwerchfell arbeitet stärker im hinteren, mittleren Bereich. Bei der Atmung durch den oberen Nasengang verschiebt sich die Aktivität in die mittleren oberen Rippen. Die Bauchdecke bewegt sich weniger, und das Zwerchfell kontrahiert stärker im vorderen, mittleren Bereich. Um auf diesem Weg einzuatmen, braucht es eine sehr feine Luftregelung. Ein leichter Luftstrom ist optimal. Ein zu kräftiger Luftstrom würde die subtile Wahrnehmung stören und auch die Riechfähigkeit beeinträchtigen.Von dort aus gelangt die Information dann in die neurologischen Bahnen zur Riechempfindung ins Gehirn, wo sie auf relativ komplizierte Weise verarbeitet wird. Spannend ist: Wir können die Reaktionen in der Zunge wahrnehmen. Sie bereitet sich quasi schon darauf vor, etwas zu schmecken, während wir riechen. Die Zunge hebt sich ein kleines Stück, als würde sie dem Geruch entgegenkommen.
Für unsere Zwecke ist das genial. Wir wollen zwar weder essen noch unbedingt riechen, aber wir wollen, dass sich unser System öffnet. Und genau diese biologische Funktion unterstützt uns dabei perfekt!
Wenn du diese Unterschiede bewusst wahrnimmst, trainierst du nicht nur deine Körperwahrnehmung, sondern legst auch die Grundlage für feines, kontrolliertes Singen.
Und wenn du etwas anderes gespürt hast, bist du nicht falsch. Möglicherweise hast du die Übung anders ausgeführt, als ich es abgedacht habe. Oder bestimmte Bewegungen sind für dich gerade noch nicht oder noch nicht so deutlich möglich. Das lässt sich im direkten Kontakt gemeinsam erforschen.
So könntest du weiter experimentieren:
Was passiert, wenn du ein Nasenloch zuhältst?
Was passiert, wenn du mit dem Zeigefinger deine Nasenspitze leicht nach oben schiebst?
Was passiert, wenn du super schnell atmen willst?
Mundatmung
Spannend an diesem Bild ist vor allem eines: Die Zunge ist riesig.
Viele denken, die Zunge sei nur das, was man oben im Mund sehen und bewegen kann. Wenn du aber unterhalb dieses sichtbaren Teils in deinen Mund fasst, berührst du ebenfalls Zunge. Sie ist am Kinn angewachsen und reicht viel weiter nach hinten und unten, als uns oft bewusst ist.
Was ich hier zu zeichnen versucht habe, ist außerdem, wie der weiche Gaumen hinten im Rachen den Mundraum vom Nasenraum trennt, indem er diesen verschließt. Die Luft kann dadurch nicht mehr in den Nasenraum einströmen. Der Weg, der übrig bleibt, führt über den Mund.
Vielleicht noch ein spannender Gedanke: Mit Training kann sich der weiche Gaumen im Zusammenspiel mit einer Kehlkopfsenkung auch in die Ausbuchtung oberhalb legen und so noch mehr Raum schaffen. Falls du den Begriff „in die Kuppel singen“ schon einmal gehört hast: Genau das ist damit gemeint. Der Sound wird dabei oft als „klassischer“ wahrgenommen. Er wird resonanzreicher, sowohl in den hohen als auch in den tiefen Frequenzen, und der Klang bekommt mehr Tragfähigkeit. Das ist allerdings ein ganz neues Thema und würde hier zu weit führen. Vielleicht wird das mal ein eigener Blogartikel. Sagt bescheid, wenn es interessant für dich wäre.
Wie immer folgende Hinweise bevor es losgeht: Nimm dir Zeit für die Experimente und damit auch für dich und feiere dich für alles, was du wahrnimmst. Diese feine Wahrnehmung ist nicht selbstverständlich. Versuche alles Gelernte für einen Moment wegzulassen und dich darauf zu fokussieren, was dein Körper gerade machen mag.
Na, dann lass uns die Mundatmung erforschen.
Schau zuerst, ob es für dich möglich ist, ausschließlich durch den Mund einzuatmen. Darf dein weicher Gaumen den Zugang in den Nasenraum dabei komplett schließen? In der Regel ja. Und ist es nicht großartig, wenn dir diese Bewegung bewusst wird?
Ich finde es unfassbar abgefahren, wie viele Konzepte wir gelernt haben, ohne uns ihrer wirklich bewusst zu sein. Gleichzeitig ist genau das eine unserer menschlichen Stärken. Wir können Dinge aus Gewohnheit unterbewusst tun, Bewegungsabläufe abspeichern und dadurch unglaublich effizient werden. Und genau hier wird es spannend, wenn wir anfangen, diese automatischen Abläufe wieder ins Bewusstsein zu holen. Denn erst dann können wir prüfen, ob sich durch kleine Veränderungen vielleicht noch mehr Glitzer und Freude einstellen dürfen.
Wiederhole jeden der folgenden Schritte so oft, bis du etwas bemerkst.
Experiment 4: Kieferöffnung
Schließe den Mund. Die Zähne liegen locker aufeinander, die Lippen sind entspannt. Öffne nun den Kiefer und die Lippen etwa zwei Millimeter, gerade so, dass du ein Blatt Papier zwischen die Zähne schieben könntest. Atme jetzt groß ein, ohne die Öffnung zu verändern. Beobachte dabei folgendes neugierig und ohne zu nach gut und schlecht zu bewerten.
Wie leicht oder wie schwer fällt dir das Einatmen?
Fließt die Luft von selbst hinein oder hast du das Gefühl, du ziehst sie aktiv?
Ist dein Atem hörbar?
Was macht deine Zunge?
Wie verteilt sich die Luft in deinen unteren Atemwegen?
Wie lange dauert es, bis diese große Einatmung abgeschlossen ist?
Es geht nicht darum, etwas richtig zu machen, sondern darum wahrzunehmen, was gerade passiert.
Jetzt, wo dir bewusst ist, wie sich diese Einatmung anfühlt und was dabei passiert, kommt das Singen wieder dazu. Nach der nächsten großen Einatmung singst du deine Tonfolge oder deinen Ton. Die minimale Kieferöffnung gilt für die Einatmung. Zum Singen kehrst du zu deiner vertrauten Kieferöffnung zurück. Das machen wir während des ganzen Experiments, damit der Klang wirklich vergleichbar bleibt.
Was hörst du?
Wie fühlt sich das Singen dabei an? Gewohnt – ungewohnt, einfach/frei – mit Druck, leicht – schwer, geschlossen – offen, ruhig – angespannt. Diese Gegensatzpaare können helfen deine Empfindungen einzuordnen. Später helfen sie beim Vergleichen
Öffne den Kiefer so weit, dass ein Finger zwischen deine Schneidezähne passt. (Du kannst den Finger auch zwischen den Zähnen lassen.) Atme erneut groß ein.
Stelle dir die selben Fragen wie oben.
Jetzt kommt wieder das Singen wieder dazu. Nach der nächsten großen Einatmung, auf diese Art, singst du deine Tonfolge oder deinen Ton.
Was hörst du?
Wie fühlt sich das Singen dabei an?
Öffne den Kiefer so dass zwei Finger zwischen deine Schneidezähne passen. (Auch hier, kannst du die Finger als Abstandshalter zwischen den Fingern lassen.) Atme erneut groß ein.
Stelle dir die selben Fragen wie oben.
Jetzt kommt wieder das Singen wieder dazu. Nach der nächsten großen Einatmung singst du deine Tonfolge oder deinen Ton.
Was hörst du?
Wie fühlt sich das Singen dabei an?
Experiment 5: Luftweg über gaumen VS Über Zunge
Öffne den Kiefer so weit, dass dein Daumen zwischen deine Zähne passt. Achte dabei darauf, dass sich die Öffnung möglichst bequem anfühlt.
Die Zunge liegt unten an den Schneidezähnen.Nun umschließt du mit den Lippen den Daumen, so als wolltest du am Daumen saugen. Die Lippen üben keinen Druck auf den Daumen aus, sondern umschließen ihn sanft, aber vollständig.
—> Wenn es dir schwerfällt den Daumen ohne Druck zu umschließen, überprüfe, ob sich deine Mundwinkel an der Bewegung beteiligen können, indem sie sich nach vorne schieben.Wenn das gut funktioniert, lasse die Kieferöffnung und die Lippenposition unverändert und ziehe den Daumen langsam heraus.
Beobachte, ob du in dieser Position bleiben kannst, während du ruhig und langsam ein- und ausatmest.Zwischendurch entspanne immer wieder alles vollständig und finde die Position von neuem.
Wenn Ein- und Ausatmen in dieser Haltung möglich ist, versuche, dir folgende Fragen zur Einatmung zu beantworten:
Beantworte zuerst alle Fragen zu einem Weg, bevor du den anderen erforschst.
Wenn du beide Wege kennst, wechsle beim Singen bewusst zwischen ihnen hin und her, um die Unterschiede noch differenzierter wahrnehmen und klarer erfassen zu können.
Fragen:
Gibt es Kühlung, oder einen Luftzug dem du folgen kannst?
Wie leicht oder wie schwer fällt dir dieses Einatmen?
Fließt / fällt die Luft von selbst hinein oder hast du das Gefühl, du ziehst sie aktiv?
Ist dein Atem hörbar?
Trocknet diese Atmung deinen Rachen, oder beeinflusst es die Schleimhaut nicht wirklich?
Wie verteilt sich die Luft in deinen unteren Atemwegen?
Wie lange dauert es, bis diese große Einatmung abgeschlossen ist?
Wege:
(ÜBER GAUMEN) Kannst ich so einatmen, dass der Luftfluss oben am Gaumen und an der Rachenrückwand zu spüren ist?
(ÜBER ZUNGE) Kannst du so einatmen, dass die Luft ausschließlich über die Zunge fließt und dann an der Zungenrückwand nach unten fällt (wie ein Wasserfall).
—> JETZT mit Stimme: Nach der nächsten großen Einatmung singst du deine Tonfolge oder deinen Ton.
Was hörst du?
Wie fühlt sich das Singen dabei an?
Erklärung
Wenn wir einatmen, geschieht weit mehr, als dass einfach nur Luft in die Lunge strömt. Unser Körper folgt bei der Atmung einem grundlegenden Prinzip. Bei der Einatmung öffnet sich das System zunehmend, bei der Ausatmung verengt es sich automatisch ein wenig. Diese leichte Verengung ist wichtig, damit die Luft nicht zu schnell entweicht und der Körper ausreichend Zeit hat, den aufgenommenen Sauerstoff zu verarbeiten. Dieser Ablauf wird neurologisch gesteuert und entzieht sich unserer bewussten Kontrolle.
Das bedeutet, dass unser Körper automatisch entscheidet, wie eine Einatmung organisiert wird. Diese Entscheidung beginnt im oberen Atemweg, also im Mund-, Nasen- und Rachenraum. Je nachdem, wie offen oder eng wir dort den Luftstrom führen, entsteht unterschiedlich viel Widerstand. Dieser Widerstand wirkt als Signal an das Gehirn und veranlasst es, unterschiedliche neurologische Programme zu aktivieren. Diese Programme legen fest, welche Muskeln während der Einatmung aktiv werden und welche eher passiv unterstützend mitarbeiten. All diese Prozesse laufen unbewusst ab. Wir haben darauf nur begrenzt direkten Einfluss, da das Nervensystem stets die Lösung wählt, die ihm in diesem Moment am sinnvollsten erscheint.
Bei der Gestaltung der oberen Atemwege spielt die Zunge eine entscheidende Rolle. Sie ist eines der beweglichsten Organe des Körpers und stark in gewohnheitsmäßige Bewegungsmuster eingebunden. Besonders der hintere Teil der Zunge hat großen Einfluss auf den Atemweg. Die Zunge formt nicht nur den Luftweg beim Atmen, sondern auch den Klang beim Singen. Wird erlaubt, dass sie sich nach vorne orientiert, kann der Atemweg weiter werden und es entsteht mehr Raum. Mehr Raum bedeutet gleichzeitig auch mehr Klangverstärkung.
Dieser Raum entsteht jedoch nicht isoliert im hinteren Bereich, sondern immer in Beziehung zum vorderen Mundraum und ganz wesentlich zur Kieferöffnung. Wird keine ausreichend große Kieferöffnung zugelassen, kann sich der Raum weiter hinten nicht vollständig öffnen. In der Folge werden viele Muskeln aktiv, die eigentlich nur unterstützend wirken sollten. Das erschwert die Beweglichkeit des Kehlkopfs, beeinträchtigt die Atmung und wirkt sich ungünstig auf das Resonanzsystem aus. Im 4. Experiment zur Kieferöffnung konntest du das möglicherweise deutlich wahrnehmen. Bei geschlossenem Kiefer waren die Atemgeräusche lauter, was auf einen engeren oberen Atemweg hinweist. Die Ausdehnung der Einatmungsmuskulatur war dabei meist nicht besonders groß und eher unfreiwillig. Häufig entsteht in dieser Situation das Gefühl, die Luft aktiv einzuziehen, anstatt sie einfach hineinfallen zu lassen. Je weiter du den Kiefer geöffnet hast, desto möglicher wird eine leisere Atmung. Das deutet auf weniger Widerstand und mehr Raum hin. Gleichzeitig zeigt sich oft eine größere muskuläre Bereitschaft, viel Luft aufzunehmen. Mehr Raum bedeutet auch hier wieder mehr Klang. Sollten die Atemgeräusche nicht leiser werden, sondern lediglich aus einem anderen Bereich kommen, kann das ein Hinweis darauf sein, dass dein System schließen möchte, um dich zu schützen. In diesem Fall ist es hilfreich, geduldig zu bleiben und dem Körper immer wieder liebevoll zu zeigen, dass Öffnung in Ordnung ist und dieser Schutz in diesem Ausmaß in sicherer Umgebung nicht notwendig ist.
Im 5. Experiment konntest du vielleicht erfahren, dass sich deine unteren Atemwege unterschiedlich verhalten, je nachdem, wie du deinen Atem oben führst. Wenn du Weg 2 wählst und den Atem über den Gaumen und entlang der Rachenrückwand führst, kannst du möglicherweise wahrnehmen, dass sich der Brustkorb vorne stärker bewegt und sich vor allem die oberen bis mittleren Rippen ausdehnen. In den oberen Atemwegen kann dabei noch ein gewisser Widerstand spürbar sein. Häufig zieht sich die Zunge dabei ein wenig nach hinten. Die Luft beginnt bereits freier zu fließen und muss nicht mehr so stark gezogen werden wie bei einem geschlossenen Kiefer. Die Einatmung kann etwas schneller erfolgen als bei einer weniger geöffneten Mundatmung. Bei Weg 3, dem sogenannten Wasserfall über die Zunge, werden stärker die unteren Rippen sowie die Rückenmuskulatur aktiviert. In dieser Variante ist meist kaum bis gar kein Atemgeräusch zu hören, was auf sehr wenig oder keinen Widerstand in den oberen Atemwegen hindeutet. Die Luft strömt hier nahezu freiwillig ein und fällt gewissermaßen in die Lunge, ohne dass sie aktiv gezogen werden muss.
Wichtig ist dabei, sich zu erinnern, dass es kein Fehler ist, wenn du diese Empfindungen nicht oder nur teilweise wahrnimmst. Das bedeutet weder, dass du etwas falsch machst, noch dass die beschriebenen Zusammenhänge grundsätzlich nicht stimmen. Je nach individuellem Entwicklungsstand können automatische Schließungen bestehen bleiben. Diese zeigen sich häufig in einer zurückgezogenen Zunge, einem festen Kiefer oder einem engen Rachenraum. Das Nervensystem verfolgt damit weiterhin eine Schutzstrategie, die für das Singen jedoch hinderlich sein kann. Deshalb ist es wichtig zu lernen, wie beim Singen die Offenheit im Atemweg erhalten bleiben kann, sodass die Ausatmung nicht in Richtung zusätzlicher Schließung geht. Der Vokaltrakt sollte dann nicht mehr bremsen, sondern als Resonator funktionieren.
So könntest du weiter experimentieren:
Macht es einen Unterschied, wann ich den Kiefer öffne? Vor der Einatmung, während, oder erst zum Einsatz.
Wie öffne ich eigentlich meinen Kiefer? Welche Muskeln brauche ich?
Atme auf verschiedenen Vokalen ein.
Was macht eigentlich meine Zunge, und wie verändert es sich, wenn ich unterschiedliche Bewegungen/Positionen ausprobiere?
zurück zur eingangsfrage: Ist es besser durch den Mund oder die Nase zu Atmen.
Die Art, wie wir einatmen, hat einen direkten Einfluss darauf, wie offen oder geschlossen unser gesamtes Atem- und Stimmsystem reagiert. Besonders schnelle, überraschte Einatmungen, egal ob durch Mund oder Nase, lösen fast immer automatische Schutzmechanismen aus. Diese zeigen sich häufig in einer zurückgezogenen Zunge, einem abgesenkten weichen Gaumen oder allgemein erhöhter Spannung im oberen Atemweg. Für das Singen ist das klar ungünstig, da genau die Offenheit reduziert wird, die wir für freie Atmung, Resonanz und Klang brauchen. Atmen „wie aus Überraschung“ ist für den Gesang also grundsätzlich keine gute Strategie.
Die Nasenatmung funktioniert beim Performen eines Songs nur sehr eingeschränkt. Für Zwischenatmungen in schnellen musikalischen Kontexten, etwa in großen Balladen mit vielen Runs und Riffs, ist sie ungeeignet. Sie ist schlicht zu langsam und führt zu leicht in Richtung Schließung. In solchen Situationen bleibt schlicht nicht genug Zeit, um über die Nase einzuatmen. Beobachte dich in Songs, atmest du da durch die Nase? Wahrscheinlich nicht. Ausnahmen können besondere Umstände sein, zum Beispiel eine staubige Bühne oder starke Trockenheit im Hals, dann aber nur bei ausreichend Zeit und mit großer Bewusstheit.
Gleichzeitig ist die Nasenatmung als Übung äußerst wertvoll. In langsamer Ausführung ermöglicht sie eine sehr feine Wahrnehmung der Bewegungen von Zunge und weichem Gaumen. Sie hilft dabei zu spüren, wie sich der Raum im oberen Atemweg aufbaut und wie sich bestimmte Bereiche bereits während der Einatmung organisieren. Besonders nach Erkrankungen, wenn das System noch vorsichtig reagiert und eher geschlossen bleibt, kann diese Form der Atmung einen sanften Wiedereinstieg unterstützen.
Mit zunehmender gesanglicher Erfahrung verändert sich das gesamte System. Der Kehlkopf senkt sich leichter, der Rachenraum darf weiter und offener werden, und der Widerstand in den oberen Atemwegen nimmt ab. Das hat zwei entscheidende Vorteile. Zum einen wird die Einatmung stressfreier, was das Nervensystem entlastet und sich positiv auf Ausdauer und Stimmgesundheit auswirkt. Zum anderen werden die oberen Atemwege beim Singen zum Resonanzraum. Je nachdem, wie sich dieser Raum bereits in der Einatmung organisiert, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er diese Weite und Qualität auch für die Klangbildung beibehält.
Wenn du nun bewusst einen engeren, gepressteren Sound erzeugen möchtest, kann eine schnellere Atmung mit mehr Widerstand in den Atemwegen durchaus hilfreich sein. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass der Klang dabei in der Regel kleiner wird, weniger frequenzreich ist und sowohl für die Stimmlippen als auch für das Nervensystem deutlich aufregender und belastender sein kann. Je nach Lautstärke ist das überhaupt kein Problem. Wird der Klang jedoch dauerhaft eng und soll gleichzeitig sehr laut sein, ermüdet das System schnell und kann zu Heiserkeit oder im ungünstigsten Fall zu Stimmlippenverletzungen führen.
Hier gilt immer die ehrliche Selbstwahrnehmung: Fühlt sich das noch gut an? Mag ich diesen Zustand noch? Wie weit entferne ich mich von der Öffnung, um diesen Sound zu bauen? Brauche ich diese Lautstärke wirklich, wenn Schließung meine Wahl ist? Habe ich beim Experimentieren vielleicht bereits Sounds gefunden, die eher in Richtung Öffnung gehen und trotzdem einen ähnlichen Effekt haben? Kann ich möglicherweise schon bei der Einatmung beeinflussen, wie es klingen wird, ohne viel Druck aufbauen zu müssen?
Grundsätzlich: Die unterschiedlichen Wege der oberen Atemwege liefern dem Gehirn unterschiedliche Informationen. Diese bestimmen, wie die Atmung organisiert wird, welche Muskelgruppen dominieren und wie offen oder geschlossen sich das gesamte System verhält.
Für das Singen bedeutet das ganz klar: Atmung über den Mund ist in den meisten musikalischen Situationen geschickter. Die Geschwindigkeit, mit der der Körper auf die einströmende Luft reagieren kann, ist dabei unschlagbar. Offenheit im Mund- und Rachenraum ist die Voraussetzung dafür, dass sich auch in den unteren Atemwegen Freiheit, Weite und Elastizität einstellen können. Nur so kann der Atem frei fließen, der Klang sich entfalten und das Singen nachhaltig, effizient und gesund bleiben.
Ein weiterer großer Vorteil der Mundatmung liegt darin, dass sie viele Möglichkeiten bietet, den Sound bereits in der Einatmung vorzubereiten. Raum, Weite, Klangfarbe und sogar eine gewisse Dynamik lassen sich antizipieren, ohne zusätzlichen Druck aufbauen zu müssen.