Singen ist nicht dasselbe wie Ausatmen

Wenn ich Schüler:innen am Anfang gefragt habe, was sie eigentlich machen, wenn sie singen, kam ganz oft eine Antwort in dieser Richtung: "Ich atme ein, dann lasse ich die Luft rausgehen, und dann kommt der Ton dazu." Das klingt total logisch, und so ähnlich fühlt es sich für viele ja auch an. Erst die Luft, dann der Ton, der auf der Luft irgendwie mitreist.

Ich finde diese Beschreibung übrigens richtig wertvoll, weil sie so ehrlich zeigt, wie wir uns Singen oft vorstellen. Und genau deshalb lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. In meinen beiden Artikeln zur Atmung ging es darum, wie die Luft in deinen Körper kommt. Heute geht es darum, was mit ihr passiert, wenn du singst. Denn da steckt ein Gedanke drin, der vieles verändern kann: Singen ist nicht einfach Ausatmen.

EINATMEN IST ARBEIT, AUSATMEN PASSIERT FAST VON ALLEIN

Wenn du einatmest, arbeitet dein Körper aktiv. Das Zwerchfell zieht sich zusammen, die Rippen weiten sich, und ganz viele Muskeln helfen mit, Raum für die Luft zu schaffen. Die Ausatmung dagegen passiert zum großen Teil von allein, weil die Lunge sich durch ihre Elastizität wieder zusammenzieht, so wie ein Luftballon, den du loslässt.

Und genau hier liegt der spannende Punkt. Wenn wir beim Singen einfach ausatmen würden, würde die Luft viel zu schnell entweichen. Der Brustkorb würde zusammenfallen, und die Stimme hätte kaum eine Chance, sich in Ruhe zu organisieren.

DEINE STIMMLIPPEN SCHWINGEN HUNDERTE MALE PRO SEKUNDE

Weißt du eigentlich, wie schnell deine Stimmlippen arbeiten? Der Grundton der Sprechstimme liegt bei Männern bei etwa 125 Hz und bei Frauen bei etwa 250 Hz. Das heißt, deine Stimmlippen öffnen und schließen sich beim Sprechen je nach Stimme ungefähr 125 bis 250 Mal pro Sekunde. Und wenn du den Kammerton a singst, sind es 440 Mal.

Bei jedem dieser winzigen Öffnungsmomente entweicht nur ein ganz kleiner Luftimpuls. Deine Stimme braucht also keinen kräftigen Luftstrom, sondern einen ganz feinen, ruhigen Fluss. Sie möchte nicht angeblasen werden. Sie möchte schwingen dürfen.

DIE WEITE DARF BLEIBEN

Und damit sind wir bei der Einatemaktivität. Wenn du nach einer großen Einatmung zu singen beginnst, müssen die Einatemmuskeln ihre Arbeit nicht sofort aufgeben. Sie dürfen ihren Tonus noch eine Weile halten, und die Rippen dürfen weit bleiben, während der Ton entsteht. Die Luft fließt dann langsam und geregelt, ganz ohne dass du sie herausdrücken musst.

Erinnerst du dich an die Beschreibung vom Anfang? Erst einatmen, dann die Luft rausgehen lassen, dann kommt der Ton dazu. Hier dreht sich die Reihenfolge um. Der Ton kommt nicht nach der Luft, sondern entsteht mitten in der Weite der Einatmung.

Das Schöne daran ist, was das für deine Stimme bedeutet. Wenn die Einatemaktivität beim Singen erhalten bleibt, bekommt der Stimmmuskel die Freiheit, locker zu schwingen. Der Klang wird oft weicher und voller, und gleichzeitig fühlt sich das Singen leichter an, weil du nicht gegen etwas ankämpfen musst. Die Luft muss nicht heraus. Sie darf fließen.

Deshalb sage ich auch gern, dass der Einsatz die Einatmung beendet. Du singst quasi aus der Einatmung heraus, nicht aus der Ausatmung, und diese Weite nimmst du mit in deine Phrase.

SCHON DIE ALTEN ITALIENER WUSSTEN DAS

Dieser Gedanke ist übrigens gar nicht neu. In der italienischen Belcanto-Schule des 19. Jahrhunderts gab es bei Francesco Lamperti ein Konzept namens inhalare la voce, was er als das Trinken des Tons beschrieb. Stell dir das mal vor: Die Stimme einatmen, den Ton trinken. Das klingt erst mal paradox, und doch beschreibt es ganz genau dieses Gefühl von Weite, das beim Singen bleiben darf.

Aus derselben Schule stammt auch der schöne Gedanke, dass man auf dem Atem singt, aber nicht mit dem Atem. Ich finde, das bringt es wunderbar auf den Punkt. Der Atem trägt deinen Ton, er muss ihn nicht schieben.

ZUM NACHDENKEN

Vielleicht magst du diese Fragen einfach eine Weile mit dir herumtragen: Was passiert mit deinem Brustkorb, wenn du eine lange Phrase singst? Fühlt sich dein Singen eher an wie Luft herausgeben oder wie Weite bewahren? Und wie würde sich dein nächster Song anfühlen, wenn du den Ton nicht hinausschickst, sondern ihn trinkst?

IM ORBIT BEKOMMT DIESES THEMA EINEN GANZEN MONAT

Genau daran arbeiten wir im Orbit einen ganzen Monat lang. Im VocalBreathing geht es um die Einatemaktivität, um die Weite, die beim Singen bleiben darf, und darum, wie frei deine Stimme schwingen kann, wenn du sie nicht mehr anschieben musst.

Wenn du neugierig geworden bist, frag deinen Platz an. Wir sprechen dann zwanzig Minuten und schauen, ob der Orbit für dich passt.

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