Bitte glaub mir nicht alles

Wenn im Unterricht jemand sagt „Nä, das will ich nicht machen.“, dann freue ich mich jedes Mal, denn genau da beginnt das Lernen. Wer nur nachmacht und ausführt, schaut mit den Augen der Lehrerin auf die eigene Stimme und verliert dabei leicht den Blick für sich selbst. Warum ich dich nicht blind folgen lassen möchte, wie aus einem ersten Bemerken irgendwann ein selbstverständliches Können wird und warum ich mir wünsche, dass du mich hinterfragst: ein paar Gedanken über Neugier, Forschen und das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.

Ich habe in meinem Leben schon viele Gesangsstunden gehabt, und lange Zeit war für mich klar, wie Unterricht funktioniert: Jemand weiß, wie es geht, sagt mir, was ich tun soll, und ich setze es um. Fragen gehörten nicht unbedingt dazu, und kritisches Hinterfragen schon gar nicht, denn das, was mir gezeigt wurde, galt einfach als gegeben. Ich habe auf diese Weise auch vieles gelernt, aber ach vielen was nicht zu mir passt. Irgendwann kam ein Unterricht, der sich ganz anders angefühlt hat, und für mich war das eine kleine Offenbarung. Da war plötzlich eine Einladung, zu forschen, nachzufragen, auszuprobieren und selbst zu entdecken, und dazu die Idee, dass ich die Expertin für mich bin. Nicht die Lehrerin oder der Lehrer, nicht das Buch, nicht die Methode, sondern ich. Ich, mit meinem Körper, meiner Wahrnehmung und meiner Stimme.

Dieser Gedanke hat mein Singen verändert und auch die Art, wie ich mit mir und anderen im Alltag umgehe.

Die schönsten Sätze im Unterricht

Es gibt ein paar Sätze, über die ich mich im Unterricht ganz besonders freue. „Wieso soll ich das denn machen?“ zum Beispiel, oder „Ich würde das gern mal anders probieren.“ Auch „Ich verstehe noch nicht, wie mich das zu meinem Ziel bringt“ gehört dazu, genauso wie „Lass mich das nochmal machen“ und „Gib mir die Übung nochmal höher.“

Manche denken vielleicht, solche Sätze wären unhöflich, fordernd oder würden den Unterricht aufhalten, aber für mich ist das Gegenteil der Fall. Wer so etwas sagt, kümmert sich um sich selbst, schaut genau hin, was sie will und was sie braucht, und nimmt ihr Singen ernst. Besser kann es für Gesangsunterricht gar nicht sein, denn deine Stimme sitzt in deinem Körper, und niemand außer dir spürt von innen, was dort passiert.

Warum das gar nicht so selbstverständlich ist

Nicht alle kommen mit dieser Haltung in den Unterricht, und das ist auch völlig verständlich. Die meisten von uns sind damit groß geworden, dass jemand anderes sagt, was wir lernen sollen, was die Hausaufgabe ist und wie die richtige Antwort lautet. Unser ganzes Schulsystem ist so aufgebaut, und so ist es ganz natürlich, dass wir diese Erwartung auch in die Gesangsstunde mitbringen.

Selbstverantwortung ist ein Lernziel. Aber das Schöne ist, dass man sie lernen kann, auch als erwachsener Mensch mit seinen gewachsenen Gewohnheiten. Es ist ein bisschen wie ein Muskel, der mit jeder Frage, jedem Ausprobieren und jedem „Moment mal, bei mir fühlt sich das anders an“ ein Stück kräftiger wird.

Wie aus Bemerken Können wird

Wenn ich darüber nachdenke, wie Veränderung in der Stimme eigentlich passiert, sehe ich immer wieder dieselben Schritte, und vielleicht erkennst du dich wieder.

Am Anfang tun wir vieles, ohne es zu wissen, und solange etwas noch unbewusst geschieht, können wir es auch noch nicht gestalten. Dann kommt ein Moment, in dem du etwas bemerkst, ohne es schon zuordnen zu können, und du hast eine erste Ahnung, dass da etwas ist. Wenn du es danach wieder und wieder bemerkst, wird es dir langsam bewusst. Was dir bewusst ist, kannst du wiederholen, und was du wiederholen kannst, kannst du irgendwann ganz selbstverständlich und selbstbewusst nutzen.

Das Entscheidende an diesem Weg ist, dass er bei dir stattfindet. Ich kann dir eine Übung zeigen, eine Frage stellen oder einen Hinweis geben, aber das Bemerken, das Wiedererkennen und das Wiederholen sind deine Arbeit, und genau dafür brauchst du deine Neugier und deine eigene Wahrnehmung.

Auch ich forsche weiter

Deshalb wünsche ich mir, dass du hinterfragst, forschst und mir nicht einfach alles glaubst. Ich stehe seit über dreißig Jahren auf der Bühne und unterrichte schon lange, und trotzdem sage ich auch mal Quatsch oder etwas, das ich vorher noch nicht besser wusste. Ich erlebe ständig neue Dinge, entdecke an meiner eigenen Stimme Neues und entwickle mich weiter, und genau das macht diese Arbeit für mich bis heute so lebendig.

Wenn du also beim nächsten Üben merkst, dass sich etwas für dich anders anfühlt als beschrieben, dann ist das kein Fehler, sondern eine Spur. Folge ihr, probier aus, frag nach. Deine Stimme wird sich so entwickeln und entfalten.

Forschen im VocalOrbit

Im VocalOrbit ist genau diese Haltung der Kern von allem. Jeden Monat gibt es ein neues Thema, Übungen mit einer einfachen Grundform und einer Variante für alle, die mehr wollen, und dazu Fragen, die dich einladen, selbst hinzuspüren und deine Entdeckungen festzuhalten. Du lernst nicht, wie Singen “richtig” geht, sondern wie du herausfindest, was deiner Stimme guttut und sie daurch wachsen kann. Wenn du Lust hast, mitzuforschen, schreib mir über das Anfrageformular, dann sprechen wir in Ruhe miteinander.

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Wenn dein Kiefer festhält, passt er auf dich auf