Unter der Dusche bin ich ein Star!
Unter der Dusche bin ich ein Star. Jede Phrase klappt, ich treffe Höhen, von denen ich im echten Leben nicht einmal träume, und mein Timbre klingt plötzlich wie eine Mischung aus Beyoncé, Pavarotti und einem Hauch Billie Eilish. Das Wasser rauscht, die Akustik schmeichelt mir, niemand hört zu, und auf einmal bin ich furchtlos. Doch sobald ich im Unterricht, vor meiner Familie oder auf einer Bühne stehe, verpufft alles wie warmer Dampf an einer kalten Fliese. Die Gefühle, die mich im Badezimmer noch mutig gemacht haben, sind wie weggeblasen. Meine Stimme wird klein oder bricht sogar weg, mein Körper erinnert sich an etwas, das ich gar nicht bewusst mitgebracht habe. Pavarotti ist plötzlich wieder Lichtjahre entfernt.
Wenn du alleine singst, fühlt sich dein Körper wie ein geschützter Innenraum an. Warm, überschaubar, vertraut. Du kennst die Temperatur, den Klang, den Abstand zu den Wänden. Alles reagiert so, wie du es dir wünschst. Doch sobald andere Menschen anwesend sind, verändert sich die Luft und deine innere Landschaft. Es ist, als würdest du aus einem sicheren Raum in einen offenen Bereich treten. Mehr Licht, mehr Weite, mehr Blickkontakt. Dein System registriert sofort, dass du sichtbarer bist. Und Sichtbarkeit bedeutet für den Körper immer auch ein erhöhtes Bedürfnis nach Schutz.
Dann kommen die Reaktionen, die wir so gut kennen. Der Hals wird enger, und die Zunge zieht nach hinten sobald der Kiefer sich öffnet. Der Kehlkopf klettert nach oben. Der weiche Gaumen sinkt ab. Die Schluckmuskeln verengen den Raum. Der Körper baut ein Schutzgerüst, das innerhalb von Millisekunden aktiviert wird. Diese Mechanismen sind kein Fehler. Sie sind uralte biologische Programme, die dich und deine inneren Organe schützen. Alles, was durch den Mund eintreten könnte, wird streng bewacht. Dieses System begleitet uns seit der Geburt und sichert dein Überleben.
Doch Schutz gilt nicht nur für deine inneren Organe. Wenn du klingst, dich zeigst oder beobachtet wirst, versucht dein Nervensystem auch emotional einzuschätzen, ob du sicher bist. Hat es genügend Referenzen, dass du gesehen werden kannst, ohne dass etwas Bedrohliches passiert? Fehlen diese Referenzen oder sind sie unsicher, reagiert der Körper vorsichtig. Er analysiert, prüft, sortiert. Und während er das tut, fehlt Energie für Freiraum im Klang. Genau deshalb klingt Singen unter der Dusche so souverän und mühelos, während es vor anderen plötzlich eng und angestrengt sein kann. Dort mischen sich körperlicher Schutz, emotionale Vorsicht und dein eigener Anspruch, etwas leisten zu wollen.
So entsteht ein Zusammenspiel aus drei Ebenen
Die biologische Schutzfunktion bewahrt dich auf körperlicher Ebene. Die mentale Schutzfunktion schützt dich vor emotionaler Verletzlichkeit. Und der Leistungsdruck entsteht, wenn du zeigen möchtest, was du kannst. In diesem Dreiklang entstehen unfassbar viele unbewusste körperliche Reaktionen, die innerhalb kürzester Zeit abgerufen werden und die wir als Stimmblockaden wahrnehmen können. Doch in Wahrheit zeigen sie nur, dass dein System versucht, dich zu stabilisieren. Alte Geschichten, kleine Momente, in denen du dich einmal klein gemacht, gehemmt oder überfordert gefühlt hast, leben in diesen Reaktionen weiter. Die Stimme reagiert sofort und signalisiert, wo noch Schutz gebraucht wird.
Das Erkennen und Verstehen dieser Dynamik ist der erste Schritt, um aus der Enge herauszukommen. Es geht nicht darum, etwas zu erzwingen oder sich über die Blockade zu ärgern. Es geht darum, dem Körper bewusst zu machen, dass der alte Schutz nicht mehr nötig ist, dass er sicher ist. Manchmal reicht der Schutz, den die Stimmlippen ohnehin bieten. Während du diese Erfahrung wiederholt machst, lernt dein Körper neue Muster. Stück für Stück wird der Klang freier, der Atem größer, die Präsenz einnehmender. Schritt für Schritt verschieben sich alte Geschichten, und die Stimme wird wieder zu dem Instrument, das sich auch unter realen Bedingungen mutig, kraftvoll und lebendig zeigen darf.
Allerdings sind diese Muster oft tief im Körper verankert, weil sie uns in schwierigen Situationen geholfen haben. Als Kind zum Beispiel gesagt zu bekommen, man sei zu laut und müsse sich zurücknehmen. Damals kann eine nützliche Strategie gewesen sein, sich unterordnen, denn das bedeutet weniger Ärger. Aber dieselbe gespeicherte Reaktion kann es dir als Erwachsene schwer machen, dich laut und frei zu äußern. Ähnliches kann eine beiläufige Bemerkung auslösen, nach dem du gesungen hast. Wie etwa, dass deine Stimme nicht zu einem bestimmten Genre passe. Das kann dazu führen, dass du dich innerlich zurückziehst oder blockierst, obwohl du Freude am Singen hattest.
Ein weiteres Beispiel aus meinem Unterricht (Danke, dass ich es erzählen darf❤️): Eine Schülerin hatte von einer früheren Lehrerin gehört, dass man mit einem klassischen Klang keinen Pop mehr singen könne. Es wurde nur beiläufig erwähnt, war kein richtiges Thema zwischen den beiden und deshalb kaum präsent in ihrem Gedächtnis. Trotzdem hat sie diese Worte sofort körperlich ernst genommen. Jede Übung, die ich ihr anbot, die zu einem offeneren, freieren Klang führen sollte, löste große innere Widerstände aus. Sie verstand zunächst nicht, warum sie sich nicht einfach auf die Übungen einlassen konnte, obwohl sie es eigentlich wollte. Oft lenkte sie sich ab und schob andere, unwichtige Dinge in den Vordergrund, nur um der Übung auszuweichen. In solchen Situationen gibt es zwei Möglichkeiten: Es einfach sein lassen oder sich auf die Spurensuche begeben. Sie wollte ja mehr lernen, also haben wir uns behutsam immer wieder an die Grenze getraut, bis ihr plötzlich der Satz wieder einfiel: „Klassische Sängerinnen können keinen Pop mehr singen.“ Genau das war der Kern ihrer Angst. Und ja, diese Vorstellung kann einem riesige Angst machen, wenn man die eigene Leidenschaft im Pop findet.Wir haben die Angst dann gemeinsam Schritt für Schritt aufgelöst. Ich habe ihr zunächst eine Phrase aus einer Arie und direkt danach einen Song von Sia angesungen. So konnte sie sehen, dass es keinen Konflikt zwischen klassischem Training und ihrem Pop-Gesang gibt. Trotzdem brauchte ihr Körper Zeit, um 20 Jahre gespeicherte Muster wieder loszulassen. Mit jeder Übung, die sie sich erlaubte, wuchs ihre Freude an der Veränderung. Und nach und nach löste sich die Angst, sodass das Singen ihr wieder mehr Spaß machte als je zuvor und sie sich frei ausdrücken konnte.
Deshalb noch einmal für alle, die es hören sollten:
Es gibt keinen Grund, dass etwas, das du schon kannst, plötzlich nicht mehr funktioniert, nur weil du etwas Neues dazugelernt hast. Dein altes Wissen ist nicht verschwunden! Manchmal entscheidest du dich, alte Dinge anders zu machen. Aber dein bestehendes Können bleibt bestehen und kann weiterhin genutzt und weiterentwickelt werden.
Die Arbeit an sich selbst ist immer ein Prozess. Es geht darum, sich bewusst zu machen, welche Schutzfunktionen gerade aktiv sind, wann alte Muster greifen und dass all das einst einmal nützlich war. Sich diesen Mechanismen anzunähern erfordert Zeit, Geduld und die Bereitschaft, den eigenen Körper und die eigenen Emotionen zu beobachten und alte, möglicherweise schmerzhafte Erfahrungen noch einmal aufzuarbeiten.
Praktische Tipps
Mini Experimente wagen. Probiere kleine Veränderungen im Singen bewusst aus, zum Beispiel ein anderer Ansatz, ein neuer Ausdruck oder eine andere Lautstärke. Beobachte, wie dein Körper reagiert. So lernst du, dass Neues keine Gefahr ist.
Routinen schaffen. Baue kleine, sichere Rituale vor dem Singen ein, zum Beispiel eine kurze Atemübung, ein Lieblingsstück oder Summen. Diese Routinen signalisieren dem Nervensystem Stabilität und fördern Vertrauen.
Körperliche Lockerung. Vor dem Singen bewusst Schultern, Nacken und Kiefer lockern, Arme, Beine und Brust sanft dehnen. Das reduziert Spannung und schafft mehr Freiraum für Klang.
Visualisieren. Stelle dir vor dem Üben oder Auftritt vor, wie die Stimme frei fließt, der Körper entspannt ist und die alten Blockaden weichen. Visualisierung bereitet das Nervensystem auf positive Erfahrungen vor.
Sprechen über Gefühle. Teile deine Unsicherheit oder Spannung mit jemandem, dem du vertraust, zum Beispiel einem Coach oder einer Kollegin. Das Entlasten von innerem Druck kann den Körper schneller entspannen lassen.
Sanfte Progression. Steigere die Herausforderung langsam. Beginne mit kleinen, vertrauten Schritten und arbeite dich allmählich zu größeren, neuen Anforderungen vor. So kann sich das Nervensystem an die Sichtbarkeit gewöhnen, ohne dass Angst oder Blockade entsteht.
Reflektieren und FEIERN. Nach jeder Übung oder Performance kurz reflektieren, was gut gelaufen ist und wo sich etwas positiv verändert hat. Auch kleine Fortschritte bewusst wahrnehmen und feiern stärkt Motivation und Selbstvertrauen.
Mit diesen Strategien kannst du Stück für Stück lernen, den alten Schutz vom aktuellen Bedarf zu unterscheiden. Denn diese beiden stimmen oft nicht mehr überein. Wichtig ist, dass der Schutz immer Vorrang hat. Wenn es noch notwendig ist, einen Schutz aufrechtzuerhalten, weil noch ein Bedarf besteht, dann gib ihm die Zeit, die er braucht. Wir können auch erstmal stimmliche Kompromisse eingehen. Gut zu überleben ist wichtiger als Singen.