Wenn auf der Bühne etwas schiefgeht …

Der Moment, in dem man eine Bühne betritt, ist oft von Gegensätzen geprägt. Da sind Vorfreude, Aufregung, vielleicht Stolz auf die eigene Arbeit und gleichzeitig Nervosität oder Lampenfieber. Besonders bei großen Momenten wie einem Release Konzert steckt meist eine lange Zeit intensiver Vorbereitung dahinter. Proben mit der Band, Wiederholungen, Soundchecks, Textsicherheit, musikalische Feinabstimmung. Und trotzdem bleibt Live Performance etwas Unberechenbares. Genau das macht sie so spannend. Genau darin liegt die Magie.

Viele Musiker erleben Situationen, in denen kurz vor oder während eines Auftritts etwas schiefgeht. Ich kenne diese Momente sehr gut. Ich hatte schon Auftritte, bei denen ich kurz vorher mein iPad einschalten wollte und der Bildschirm einfach schwarz blieb. Ich stand auch schon auf der Bühne, die ersten Sekunden waren da und mir fiel plötzlich nicht mehr ein, wie der Song anfängt. Es gab Momente, in denen ich mitten im Spielen kurz gezweifelt habe, ob ich überhaupt in der richtigen Tonart bin. Und ich habe Situationen erlebt, in denen sich ein Tempo, das sonst komplett selbstverständlich ist, plötzlich ungewohnt und unsicher angefühlt hat. Und dann passiert oft etwas fast Automatisches. Die Musik startet, und mein Körper macht einfach weiter. Die Töne gehen an die richtigen Stellen, der Text kommt Stück für Stück zurück, und ich merke: Ich kann mich darauf verlassen. Dahinter steckt das sogenannte prozedurale Gedächtnis. Es speichert Abläufe so tief ab, dass sie auch unter Stress abrufbar bleiben. Ähnlich wie beim Fahrradfahren oder Tanzen funktioniert das, solange ich es oft genug geübt habe.

Deshalb ist Wiederholung nicht langweilig, sondern ein Fundament für Freiheit.

Trotzdem kann es passieren, dass plötzlich alles leer ist. Ich habe Momente erlebt, in denen ich auf der Bühne stand, ins Licht geschaut habe und der Text war einfach weg. Der nächste Einsatz war unklar, der Faden kurz verloren. Das passiert nicht nur Anfängern, sondern auch Leuten, die seit Jahren oder Jahrzehnten auf Bühnen stehen. Wichtig ist dann nicht, dass es passiert ist, sondern was man in diesem Moment daraus macht. Ich habe erlebt, dass ein kurzer Witz die Spannung löst. Manchmal hilft es, kurz ehrlich zum Publikum zu sein. Und manchmal entsteht genau daraus etwas Spontanes, ein anderer Einstieg, ein improvisierter Übergang, ein Moment, der so nie geplant war. Live Performance ist immer auch ein direktes Aufeinandertreffen von Menschen. Wenn das Publikum merkt, dass vorne jemand steht, der echt ist, dann werden kleine Fehler fast immer verziehen. Weil jeder weiß, wie sich Fehler anfühlen. Perfektion wird oft angestrebt, aber auf einer Bühne geht es am Ende viel öfter um Echtheit als um Fehlerfreiheit.

Neben Textaussetzern gibt es viele andere unvorhersehbare Situationen. Ich möchte hier ein ganz konkretes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung teilen. Am Anfang meiner Bühnenzeit gibt es eine Szene, die bis heute sehr lebendig in meinem Kopf ist. Wenn ich daran denke, sehe ich sofort die Bühne vor mir, Manuel am Piano, die gespannte Stille kurz vor dem ersten Ton. Das ist ungefähr zwanzig Jahre her. Ich war noch relativ neu auf der Bühne und gleichzeitig ziemlich überzeugt davon, dass ich meine Stimme und meine Songs gut im Griff hatte. Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich ein bisschen schmunzeln, weil ich damals wirklich dachte, ich wüsste schon ziemlich viel. Wir standen auf einer kleinen Bühne bei einem Sommerfest. Vielleicht sechzig Menschen saßen vor uns, entspannt, mit Getränken in der Hand, warme Luft, dieses typische Sommerabend Gefühl. Der Song, den wir spielen wollten, war How Deep Is Your Love von den Bee Gees. Ich war fest davon überzeugt, dass ich diesen Song wirklich gut kannte. Ich hatte ihn oft gesungen. Was ich damals nicht realisiert hatte, war, dass ich ihn immer zusammen mit Mr. Gibbs gesungen hatte, eher nebenbei, mehr mit Gefühl als mit Bewusstsein. Unbewusst war ich ständig zwischen verschiedenen Oktavlagen hin und her gesprungen, ohne es wirklich zu merken.
Manuel saß am Klavier, schaute kurz zu mir hoch und fragte noch, ob ich sicher sei, dass das die richtige Tonart für mich ist. Ich nickte sofort. Natürlich war ich sicher. Ich singe das doch immer so. Diese Mischung aus jugendlicher Selbstverständlichkeit und einer gewissen Naivität war damals sehr präsent. :-) Wir haben den Song vorher nicht gemeinsam angespielt. Ich war überzeugt, dass das nicht nötig ist. Dann begann der Auftritt. Die ersten Akkorde erklangen. Ich holte Luft, setzte ein und hatte nach wenigen Sekunden dieses Gefühl, das wahrscheinlich viele Bühnenmenschen kennen. Dieses innere AAAHHHHRRRGGGG!! Das wird “schwierig”. Ich spürte, wie sich der Song plötzlich ganz anders anfühlte als sonst. Die Höhe passte nicht, die Tiefe fühlte sich fremd an, meine Stimme suchte nach Orientierung. Gleichzeitig lief die Zeit weiter. Das Publikum saß da. Die Musik ging vorwärts. Es gab kein Zurück.

Dieses Erlebnis war unglaublich lehrreich für mich. Danach habe ich angefangen, Songs zumindest einmal alleine, ohne Originalstimme und ohne Playback, in der geplanten Tonart durchzusingen. Sicher ist sicher. Das Wichtigste war aber etwas anderes. Der Auftritt ging vorbei. Ich stand noch. Ich habe das überlebt. Die Welt ist nicht untergegangen. Das Publikum war noch da. Manuel macht bis heute Musik mit mir. Ich hätte damals am liebsten im Erdboden versinken wollen, aber objektiv betrachtet ist nichts Dramatisches passiert. Es gab sogar jemanden, der sagte, er fand die Version spannend, so frei hätte er den Song noch nie gehört. Rückblickend weiß ich natürlich, dass das musikalisch nicht meine Sternstunde war. Aber wir haben den Song durchgebracht. Es gab ein langes Solo, für das ich bis heute dankbar bin. Ich habe mich irgendwie durch den Song gewurschtelt, habe nach Lösungen gesucht und versucht, musikalisch zu bleiben. Meine Unsicherheit war damals auf jeden Fall deutlich zu sehen. Diese leichte innere Starre, dieses Suchen, dieses Nicht ganz Ankommen im Song. Es war mir sehr peinlich…

Und trotzdem sind genau solche Erfahrungen unglaublich wertvoll. Sie sind nicht angenehm, aber sie sind meistens viel weniger dramatisch, als man am Anfang denkt. Wenn man solche Momente überlebt hat, wird die Bühne zu einem lebendigen Raum, in dem Dinge passieren dürfen. Ein Raum, in dem man lernt, flexibel zu bleiben. Und vor allem ein Raum, in dem man lernt, sich selbst zu vertrauen.

AllE unerwarteten Situationen zeigen etwas sehr Wichtiges über Bühnenarbeit. Perfekte Kontrolle ist eine Illusion. Vorbereitung ist entscheidend, aber sie ist nicht das Ziel. Sie ist die Grundlage dafür, in entscheidenden Momenten loslassen zu können.

Hier beginnt ein tieferes Verständnis von Bühnenpräsenz.

Wirklich berührende Präsenz entsteht selten durch äußere Show oder durch das Kopieren von Vorbildern. Sie entsteht dann, wenn jemand auf der Bühne wirklich mit sich selbst verbunden ist. Wenn Stimme, Körper, Emotion und Gedanke nicht nebeneinander existieren, sondern miteinander fließen. Jeder Mensch trägt eine eigene kreative Energie und eine ganz persönliche Art, Raum zu füllen. Manche Menschen betreten eine Bühne leise und ziehen trotzdem sofort Aufmerksamkeit auf sich. Andere wirken kraftvoll und präsent, ohne laut sein zu müssen. Diese Qualität lässt sich nicht imitieren. Man kann sie nicht wie ein Kostüm anziehen. Man kann sie nur entdecken und darin wachsen.

Der Weg der für mich dahin geführt hat ist Struktur. Technik lernen. Inhalte verinnerlichen. Abläufe wiederholen, bis sie sich im Körper verankern. Sicherheit aufbauen, Schritt für Schritt. Diese Phase ist wichtig. Sie gibt Halt, besonders in stressigen Momenten auf der Bühne. Schwierig wird es nur, wenn man in dieser Phase stehen bleibt. Publikum nimmt nicht nur wahr, was jemand zeigt. Menschen spüren sehr genau, wie sich jemand innerlich fühlt. Wenn jemand angespannt ist, spürt man das im Raum. Wenn jemand innerlich kämpft, wird auch das sichtbar. Genauso übertragen sich Freude, Spiellust, Vertrauen und echte Begeisterung.

Nach dem die Struktur gegeben ist, kommt deshalb ein zweiter Schritt, der oft unterschätzt wird. Es geht darum, Vertrauen zu entwickeln. Vertrauen in die eigene Vorbereitung. Vertrauen in den Körper. Vertrauen in die Stimme. Vertrauen darin, dass man nicht alles aktiv kontrollieren muss, damit etwas gelingt. Wenn man beginnt, Kontrolle bewusst ein wenig zu lockern, entsteht Raum. Raum für Intuition. Raum für echte emotionale Reaktionen. Raum für den Moment. Viele Künstler beschreiben diesen Zustand so, als würden sie nicht mehr aktiv alles steuern. Sie fühlen sich getragen von Musik, Text, Raum und Publikum.

Leseempfehlung: Genau mit diesem Zustand beschäftigt sich auch Rabih Lahoud in seinem Buch “Stimme im Flow”. Er beschreibt Flow als den Zustand den immer mehr Menschen im Alltag anstreben. Diesen glückseligen Zustand, der das Gefühl für Zeit und Raum verschwimmen lässt und er beschäftigt sich in diesem Buch explizit mit Flow im Gesang.

In solchen Momenten entsteht oft eine besondere Wechselwirkung im Raum. Man kann sich das vorstellen wie eine unsichtbare Strömung. Energie fließt von der Bühne ins Publikum. Gleichzeitig fließt etwas zurück. Aufmerksamkeit. Emotion. Resonanz. Der Raum beginnt sich lebendig anzufühlen. Musik wird nicht mehr nur gespielt oder gesungen. Sie entsteht gemeinsam im Moment.Ich empfinde diese Momente als Magie. Tatsächlich steckt dahinter meist etwas sehr Natürliches. Ein Zustand, in dem Vorbereitung und Loslassen gleichzeitig existieren dürfen. Interessanterweise helfen auch Pannen dabei, genau diesen Zustand zu erreichen. Wenn etwas Ungeplantes passiert, fällt oft die Fassade von Kontrolle. Man reagiert spontaner. Ehrlicher. Direkter. Und genau das berührt Menschen oft am meisten. Das Publikum erinnert sich selten an perfekte Töne oder fehlerfreie Abläufe. Es erinnert sich an Momente, in denen jemand wirklich da war. Wirklich berührt hat. Wirklich etwas geteilt hat.
Deshalb lohnt es sich, in der Vorbereitung nicht auf Perfektion zu achten, sondern auf Flexibilität. Zum Beispiel, Songs in verschiedenen Tonarten zu üben, erweitert die Ausdrucksmöglichkeiten. Mit unterschiedlichen Tempi oder Rhythmen zu arbeiten trainiert Anpassungsfähigkeit. Eine gut entwickelte Stimmtechnik gibt Sicherheit, selbst in ungeplanten Situationen.

Am Ende bleibt eine einfache, aber kraftvolle Erkenntnis. Man kann nicht jede Schwierigkeit auf der Bühne verhindern. Aber man kann lernen, stabil zu bleiben. Flexibel zu reagieren. Dem eigenen Können zu vertrauen. Die stärksten Bühnenmomente entstehen oft genau dann, wenn Vorbereitung und Loslassen zusammenkommen. Wenn Technik trägt und Persönlichkeit frei wirken darf. Wenn man nicht versucht, perfekt zu sein, sondern wirklich präsent.

Für mich liegt darin die eigentliche Schönheit von Live Performance. Sie ist nie komplett kontrollierbar. Sie ist lebendig. Sie ist ein Moment, der nur einmal existiert. Genau deshalb ist LIVE Musik so kostbar.

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