Die “RICHTIGE” Atmung
In letzter Zeit sehe ich auf Instagram immer häufiger Vocalcoaches, die Tipps geben wie „Nimm nie zu viel Luft“, „Atme immer in den Bauch“ oder „Atme immer so, als würdest du dich erschrecken“. Aber was ist denn nun richtig? Ganz ehrlich: Ich möchte gar nicht festlegen, was grundsätzlich „richtig“ ist. Fürs Singen ist vor allem das günstig, was sich gut anfühlt. Natürlich gibt es wichtige Zusammenhänge zwischen Atmung und einer gesunden Stimmfunktion. Gleichzeitig habe ich als Popularmusikerin durch das Arbeiten mit Mikrofon unfassbar viele klangliche Möglichkeiten.
Um unterscheiden zu können, ob sich etwas nur vertraut oder wirklich gut anfühlt, braucht es Experimente und Vergleiche. Deshalb möchte ich hier immer wieder Übungen und Experimente anleiten, die dir helfen, dich selbst, deine Körperfunktionen und deine Stimme im Zusammenhang mit Atmung besser kennenzulernen.
Bevor wir starten, ein paar grundlegende Worte:
Immer wenn jemand behauptet, er oder sie habe das „Rezept“, die richtige Technik und alles andere sei falsch, würde ich hellhörig werden. Probier es selbst aus. Versuch auch das Gegenteil. Bitte hinterfrage immer kritisch, was sich für dich nicht stimmig anfühlt.
Wir sind in den Grundbauteilen der Stimme in der Regel alle gleich, aber unsere Bewegungshistorie ist komplett unterschiedlich. Kommst du aus einer lauten oder eher ruhigen Familie? Warst du ein Kind, das Spaß an Geräuschen hatte und darin gefördert wurde, oder wurde dir der Mund verboten, sobald du nicht-konforme Klänge gemacht hast? Hast du schon einmal geschrien oder kennst du deine Stimme gar nicht auf diese Art und Weise? Fluchst du manchmal laut, jauchst vor Freude? Summst oder singst du heimlich? Oder dürfen das alle hören?
Jeder von uns hat unterschiedliche Momente mit seiner Stimme erlebt. Wir haben alle Schutzmechanismen entwickelt. Manche Menschen verlieren ihre Stimme unter Stress, andere verengen alles bei Freude. Manche beißen den ganzen Tag die Zähne zusammen, andere knirschen nachts im Schlaf. Einige können den Mund nicht richtig öffnen wegen früherer Erfahrungen. Manche hatten medizinische Eingriffe wie eine Intubation, die ein Trauma hinterlassen haben. Oder sie hatten Langzeit-Atemwegsinfekte, die das Zwerchfell und damit die innere Organwelt noch lange beeinflussen, auch wenn der Infekt schon vorbei ist. Viele, wenn nicht sogar alle, dieser Symptome sind Teil eines fantastischen Schutzsystems unseres Körpers. Ärger dich also nicht darüber, sondern suche Wege, wie dein Körper neue Erfahrungen sammeln kann, um zu verhandeln, welche Schutzmechanismen gerade noch sinnvoll sind und welche vielleicht gelöst werden können.
Deshalb: Wenn jemand sagt, du sollst nur eine winzige Atemmenge nehmen, weißt du nicht genau, warum diese Empfehlung kommt. Vielleicht übernimmt die Person einfach Anweisungen von anderen, ohne selbst Experimente gemacht zu haben, oder sie konnte bestimmte Atemtechniken aufgrund der eigenen Bewegungshistorie nicht ausführen. Es gibt nicht nur eine richtige Atmung, denn es gibt auch nicht nur einen richtigen Sound. Probier dich aus. Experimentiere. Schau, was du schon kannst.
Und noch eine Sache, bevor es losgeht: Wenn du generell beim Singen merkst, dass du heiser wirst, oder Druckschmerzen spürst, ist das nicht normal. Das könnte unter anderem mit der Atmung zusammenhängen. Denn ja, es gibt Zusammenhänge, die helfen, eine kraftvolle Stimme gesund zu produzieren, so dass diese leicht fällt und frei klingt. Aber die Frage dahinter lautet immer: Kann ich das schon? Ist mir das derzeit erlaubt? Falls ich es will und es klappt noch nicht, darf ich daran arbeiten? Und will mich gerade überhaupt weiterentwickeln, oder finde ich mich gerade gut so wie es ist?
Also, los geht es!
Nimm dir Zeit für dich. Suche dir einen schönen Ort, wo du einfach nur neugierig sein darfst und du ohne Störungen neue Erfahrungen sammeln darfst.
KÖRPER
Überall einmal hinspüren: “Weisst du eigentlich was deine Knöchel können?”
Mach dir gerne ruhige, entspannte Musik an. Stille ist aber genauso willkommen.
Diese Übung dient dazu, im Körper anzukommen und wirklich wahrzunehmen, wie es dir heute geht und was heute möglich ist. Außerdem hilft sie dir, deinen Körper gedanklich einmal vollständig zu durchwandern. Dadurch nimmst du in den anschließenden Übungen zum Atemvolumen viel genauer wahr, was in dir reagiert, wenn du atmest.
Wir bewegen uns langsam von unten nach oben durch den Körper und spüren dabei jedes Gelenk. Schau nach dir. Wie geht es dir gerade? Was fühlt sich beweglich an? Gibt es Verspannungen?
Bitte arbeite die einzelnen Punkte nicht einfach schnell ab. Dann könntest du die Übung auch gleich sein lassen.
Nimm dir Zeit. An Stellen, die sich danach anfühlen, bleib gerne etwas länger und genieße, wenn möglich, jede Bewegung und jede Beweglichkeit in deinen Gelenken. Denn das, was wir genießen, nimmt der Körper leichter als neue Idee an und speichert es deutlich schneller.
Wichtig: Du bist erwachsen und darfst selbst für dich sorgen. Wenn du eine Bewegung nicht machen kannst oder nicht machen möchtest, lass sie weg. Wenn du etwas variieren willst (Z.B. im Sitzen, mit Festhalten oder Anlehnen), dann tu das. Diese Übung ist ein Angebot, um Neues zu erleben. Es soll sich niemals unangenehm anfühlen oder gar schmerzen.
Wir starten bei den Füßen. Hast du sie heute schon einmal bewusst wahrgenommen? Sie verbinden dich mit dem Boden und leiten dein Gewicht in die Erde. Wie geht es ihnen gerade? Wie fühlen sie sich heute an?
Wie stehst du im Moment? Wo ist dein Gewicht? Eher vorne, hinten oder seitlich?Bewege nun deine Zehen. Du kannst mit ihnen wackeln, sie in den Boden graben oder dich kurz auf sie stellen. Schau, was dir sonst noch einfällt. Ist die Beweglichkeit links genauso groß wie rechts? Gibt es Unterschiede?
Dann wandere weiter zu deinen Knöcheln und spüre, was dort an Bewegung möglich ist. Hebe den Fuß auch einmal an. Was verändert sich jetzt? Welche Bewegungen kommen hinzu?
Weiter zu den Knien. Beuge und strecke sie und erlaube auch kleine Bewegungen. Wann sind die Knie gebeugt? Wann sind sie nach hinten fixiert? Wo ist der Punkt dazwischen, an dem das Knie gerade ist, aber nicht festgehalten wird? Kennst du diesen Punkt schon oder ist er dir neu?
Dann geh weiter in die Hüftgelenke. Wie stehen deine Füße zueinander? Verändere die Fußposition und spüre, wie sich das Gewicht nach unten verteilt. Parallel zueinander, nach innen gedreht oder nach außen? Wie fühlt es sich an, wenn deine Füße etwa schulterbreit stehen? Und wie ist es, wenn sie hüftbreit stehen, also ungefähr eine Fußbreite Abstand zwischen den Füßen haben? Was verändert sich dadurch?
Nun bring deine Aufmerksamkeit ins Becken. Ja, das ist nicht dasselbe wie die Hüfte. Die Hüfte ist das Gelenk, in dem die Oberschenkelknochen im Becken ankommen. Welche Bewegungen kann dein Becken heute machen? Kreisen, kippen oder drehen?
Von dort aus wandere mit deiner Wahrnehmung in die Wirbelsäule. Was macht die Lendenwirbelsäule, wenn du das Becken bewegst? Wie reagiert die Wirbelsäule insgesamt? Beginne im Lendenwirbelbereich und geh langsam weiter nach oben. Was kann deine Wirbelsäule heute? Wo ist sie geschmeidig? Wo zwickt es? Wo gibt es Spannung? Wo hört die Beweglichkeit auf? Schau einmal über deine Schultern nach hinten. Gehe in eine Vorbeuge und dann in eine Rückbeuge. Spüre die Seitneigung und beobachte, wie sich deine Wirbelsäule dabei bewegt.
Wandere weiter zu den Schultern und erkunde, welche Bewegungen hier möglich sind. Wie nah können sie zu den Ohrläppchen kommen? Wie weit können sie sich nach unten sinken lassen? Wie weit können die Schultern nach vorne gehen und wie weit nach hinten?
Dann geh weiter in die Ellenbogen, in die Handgelenke und schließlich in jeden einzelnen Finger.
Irgendwann kommst du oben im Kopf an. Bewege ihn vorsichtig. Bitte keine vollständigen Kopfkreise. Wenn du zu Schwindel neigst, bleib bei kleinen Hin-und-Her-Bewegungen. Setze dich hin, oder halte dich fest. Spüre, wie dein Kopf oben auf der Wirbelsäule sitzt. Wie ist er dort getragen?
Zum Schluss darf sich noch einmal alles bewegen. Tanz, wenn du magst, und bleib dabei in der Wahrnehmung deiner Gelenke. Beobachte, was dein Skelett macht, während du dich bewegst. Ist das nicht unglaublich?
ATMUNG
atmung und Stimme: “Deine Atmung beeinflusst deinen Klang.”
Singe einen Ton oder eine Tonfolge deiner Wahl.
Wiederhole das ein paar Mal.
Jetzt kommt die entscheidende Frage. Weißt du eigentlich, was du alles machst, damit dieser Ton entstehen kann? Was passiert in der Vorbereitung, damit du von einer sprechenden Person zu einer singenden wirst? Alles was dir auffällt ist wichtig.
Hast du ein Konzept, das du kennst, oder läuft alles irgendwie von selbst?
—> Was passiert alles, bevor der erste Ton erklingt?
Denkst du an etwas Bestimmtes?
Erwartest du etwas?
Atmest du anders als beim Sprechen?
Stellst du dich anders hin?
Machst du das immer gleich oder war das gerade Zufall?
Forsche hier weiter. Du hast bereits ein Konzept, denn du singst. Vielleicht ist dir nur nicht bewusst, was du alles tust. Wenn du jedoch in Erfahrung bringst, was dein Konzept ist, kannst du Abläufe verändern und ausprobieren, ob sich etwas für dich gut anfühlt und dich in die Richtung bringt, die du dir wünschst.
Mindset:
Wir machen die Experminente nicht, um uns zu optimieren.
Wir machen sie, damit wir uns noch freier musikalisch ausdrücken können.
Experiment: Atemvolumen
Wir legen den Fokus jetzt auf die Atmung. Versuche nichts “richtig” zu machen oder so zu atmen, wie du es vielleicht einmal gelernt hast. Lass dich stattdessen darauf ein, einfach zu beobachten, wie sich dein Körper bewegt und wie sich der Klang dabei verändert. Das ist schwerer als man denkt.
Kleine Atmung: Atme komplett aus. Dann atme nur so viel ein, wie es gerade braucht, um deinen Ton oder deine Tonfolge zu singen.
Wiederhole das ein paar Mal. Beobachte, wie die Luft in deinen Körper kommt. Wie verteilt sie sich? Wie fühlt sich das an? Was bewegt sich, weil du atmest? Was verändert sich in deinem Körper?
Wie klingt es? Bewerte nichts. Höre einfach nur zu.Nutze wertfreie Worte, um das Wahrgenommene zu beschreiben.
(Bei manchen dieser Wortpaare könnte es so wirken, als wären sie eine Wertung. Tatsächlich beschreiben sie jedoch Klangfarben, die gerade im Popularbereich oft bewusst gesucht und eingesetzt werden.)laut oder leise
kleiner Klang oder großer Klang
hell oder dunkel
kalt oder warm
hart oder weich
Mittlere Atmung: Atme so viel ein, dass noch mehr Luft hineinpassen würde, aber auch deutlich weniger. So, dass sich alles sehr bequem anfühlt. Bei den meisten Menschen entspricht das zunächst der Gewohnheitsatmung. Singe dann deinen Ton oder deine Tonfolge und wiederhole das ein paar Mal. Beobachte, wie die Luft jetzt in deinen Körper kommt, wie sie sich verteilt und wie sich das anfühlt. Was bewegt sich, weil du größer atmest? Was verändert sich in deinem Körper? Wie klingt es? Bewerte auch hier nichts. Höre einfach nur zu und vergleiche deine Wahrnehmung mit der kleinen Atmung.
Große Atmung: Atme so viel ein, bis du merkst, dass keine Luft mehr reinpasst. Das muss überhaupt nicht schnell gehen. Je langsamer die Luft in deinen Körper kommt, desto besser. Und es kann erstmal super ungewohnt sein, aber wenn du kannst, lass dich darauf ein. Singe dann deinen Ton oder deine Tonfolge und wiederhole das ein paar Mal. Beobachte, wie die Luft nun in deinen Körper kommt, wie sie sich verteilt und wie sich das anfühlt. Was bewegt sich, weil du jetzt viel mehr Luft eingeatmet hast? Was verändert sich in deinem Körper? Wie klingt es? Bewerte immer noch nichts, sondern höre einfach aufmerksam zu und vergleiche deine Wahrnehmung mit der kleinen und mittleren Atmung.
Klingt es immer gleich? Es geht dabei nicht darum, schöner oder besser zu klingen, sondern einfach anders oder gleich. Mit ziemlicher Sicherheit, auch wenn ich es gerade nicht gehört habe was du gemacht hast, ist es nicht derselbe Klang. Wahrscheinlich wurde der Klang größer und lauter, je mehr Luft du eingeatmet hattest. Aber man könnte noch viele andere Dinge wahrnehmen. Alles was du fühlst und bemerkst ist richtig, wertvoll und wichtig für dein Singen.
Springe gerne zwischen den verschiedenen Atmungen hin und her, um besser vergleichen zu können. Du forschst danach, wie es sich für dich anfühlt und wie es klingt. Du machst das, um dich mit neuen, vielleicht ungewohnten Klängen vertraut zu machen. Nach dem Motto: „Ach so, das bin auch ich.“
Das Lernziel in diesem Experiment
Je nach Atmung klingen wir unterschiedlich. Wir atmen also nicht nur, um eine Phrase über eine gewisse Länge zu tragen, sondern immer für den Klang, den wir anstreben. Wenn du powervoll und laut singen möchtest, ist es für deine Stimme günstig, eine große Atmung zu nehmen. Wenn du hingegen einen sehr kleinen, leisen Klang haben willst, dann atme bitte nicht super viel ein. Du entscheidest, wie du klingen möchtest, und du musst dich nicht einmal festlegen. Innerhalb eines Songs kann die Atmung und der Klang variieren. Ich empfehle dir, vor allem das zu üben, was für dich am ungewohntesten ist. Meiner Erfahrung nach ist das in der Regel die große Atmung. Wie du es dann auf der Bühne einsetzt, bleibt dir überlassen. Wichtig ist, dass du die Möglichkeit hast zu wählen, weil dir alle Varianten, alle Spielgeräte auf dem Spielplatz, vertraut sind.
Weitere Mögliche Experimente
Wie verändert sich dein Singen und der Klang, wenn du durch die Nase, den Mund atmest, oder durch beides atmest?
Wie verändert sich dein Singen und der Klang, wenn du eine Bewegung dazu nimmst?
Wie verändert sich dein Singen und der Klang, wenn du zulässt, dass die Atmung bestimmte Bereiche deines Körpers involviert?
Probiere ruhig alles aus. Du kannst nichts falsch machen. Du lernst dich besser kennen. Wenn du nicht weiterkommst, geh in den Gesangsunterricht und lass dich bei den Experimenten anleiten.
Grundsätzlich: Es ist immer günstig für das Singen, wenn es sich gut anfühlt. Manchmal lohnt es sich bei neuen Erfahrungen genau hinzusehen, ob etwas vielleicht nur ungewohnt ist oder sich wirklich nicht gut anfühlt.
Viel Spaß beim Ausprobieren. Schreib mir gerne, welches Experiment ich als nächstes anleiten soll.