Songwriting: Von der Idee bis zur Bühne
ONTO - Live @Jazzclub Karlsruhe (08.12. 2025)
Es ist jedes Mal aufs Neue aufregend zu erleben, wie ein Song entsteht. Und das Verrückte ist, es passiert nie auf die gleiche Weise und meistens unerwartet. Manchmal sehe ich unterwegs eine Situation, höre ein Gespräch in der Straßenbahn oder im Café und plötzlich taucht da eine Idee für einen Text auf. Manchmal sind es Filmsequenzen, deren Stimmung mich einfängt. Sehr oft sind es die Menschen um mich herum, die mich inspirieren, in dem wie sie fühlen, wie sie kämpfen und wie sie leben.
Ich will dich heute einmal mitnehmen und dir zeigen, wie ein Song entsteht. Und zwar nicht irgendein Song, sondern unser Song „Useless“ von meiner Band ONTO. Die erste Idee zu diesem Lied hatte ich im März 2025. Von da an hat der Song sich weiterentwickelt, gewartet, sich versteckt, ist wieder aufgetaucht und schließlich im Herbst desselben Jahres fertig geworden. Und im Dezember 2025 haben wir ihn dann endlich zum ersten Mal live performt. Fast ein ganzes Jahr also, von der ersten zarten Idee bis zu dem Moment, in dem wir ihn auf der Bühne mit euch teilen konnten.
Bei „Useless“ war der Auslöser mein Instagram Feed. Ich habe wieder einmal eine Flut an Nachrichten über politische Entwicklungen gelesen und sie machen mir Angst. Nicht nur irgendwo weit weg, wenn man über den Teich schaut. Auch hier bei uns. Kultur wird gekürzt. Menschenverachtende Ideen bekommen wieder lautstark Raum. Minderheiten sollen Rechte verlieren. Es fühlt sich an, als würden wir in der Zeit zurückfallen, statt voranzugehen.
Und dann sitze ich da und frage mich
Was kann ich eigentlich verändern? Hilflos. Ratlos. Useless.
Und dann ist da, trotz aller politischen Ohnmacht, dieser andere Gedanke, der mich trägt. Wenn Menschen in meinem Umfeld sich sicher und aufgehoben fühlen. Wenn ich jemandem helfen kann, sich selbst wahrzunehmen, sich weiterzuentwickeln und einen Moment lang wirklich nichts sein zu müssen, sondern nur zu sein. Dann bin ich nicht nutzlos. Dann ist das mein Beitrag zu einer Welt, die für jemanden ein Stück besser sein kann. Dann entsteht Verbundenheit statt Angst. Mut statt Hilflosigkeit. Genau das brauchen wir: mutige, selbstbestimmte Menschen, die sich trauen, ihre Stimme zu erheben und laut zu sein für Toleranz, Nächstenliebe und Menschlichkeit.
Kennst du deine Stimme und deinen Wert, dann stehst du für dich ein und auch solidarisch für Menschen, die alleine ihre Stimme nicht erheben können. Es geht nicht darum, allen zu helfen. Es wird Tage geben da fällt es dir leicht, dann wiederum Momente in denen sich gefühlt nichts bewegen lässt. Es geht im Grunde darum, wer da ist, wenn es still wird. Wer da ist, wenn du nach Hause gehst.
Das sind die Momente, in denen wir merken, wie wertvoll wir alle sind. Wertvoll, weil wir im kleinen Kosmos eines anderen Menschen Licht sein können. Weil wir dafür sorgen, dass sich jemand weniger allein fühlt. Und das ist alles andere als useless.
Die Idee ist also da und findet ihren Platz in meinem Ideenbuch.
Und dann passiert erst einmal … nichts.
Ein-zwei Monate, manchmal länger, bleibt alles still. Die Idee ist zwar noch lebendig in meinem Kopf, sie taucht immer wieder auf und lässt mich nicht los, aber sie möchte noch nicht raus. Als würde sie auf den richtigen Augenblick warten. Manchmal ist bei mir zuerst die Musik da und der Text entsteht hinein. Doch diesmal ist es genau andersherum.
Plötzlich läuft mir ein Satz über den Weg, der alles auslöst. Ein Schalter klickt um und auf einmal ist der ganze Songtext da. Charles Dickens schreibt in seinem Roman “A Mutual Friend” folgenden Satz: “No one is useless in this world who lightens the burdens of another.”
In diesem Moment war es, als würde sich ein Puzzle wie von selbst zusammenfügen. Jede Zeile, jeder Gedanke, alles stand einfach in meinem Inneren bereit und musste nur noch raus. Und so ist der Text geworden:
USELESS - ONTO
You don’t have to have the answers
You don’t need a grand design
A steady hand a quiet kindness
Thats enough most of the time
Never useless in this world
If they ease somebodies pain
It won’t take much to make a difference
A little goes a long, long way
It’s not about some great redemption
Not about a perfect plan
Sometimes all that really matters
Is just showing up again
Some days feel like moving mountains
Some days barely make a sound
But every light that burns in darkness
Starts with someone being around
Hold the light
Let it flicker
Pass it on
Let it shine
Every kindness leaves a shadow
Every heart can start a glow
Every hand can pull another
Every voice can calm the storm
It’s not about the weight you carry
It’s about who walks you home
Bei „Useless“ war für mich vieles neu. Der Text war fertig und ich spürte, dass da etwas drinsteckt, das nicht in der Schublade verschwinden darf.
Der Text steht, und dann?
Also habe ich zunächst versucht selbst eine Melodie zu finden, Musik die die Stimmung des Textes trägt. Aber je mehr ich schrieb und wieder verwarf, desto deutlicher wurde mir: Bei „Useless“ war das gar nicht so einfach. In einem Telefonat mit Maurice, unserem Bassisten bei ONTO, meinte er: „Schick mir doch mal ein paar Texte. Vielleicht springt beim Lesen ein Funke über.“ Und genau das ist passiert.
Maurice hatte beim Lesen von „Useless“ eine Stimmung im Kopf, ein Gefühl im Ohr. Irgendetwas an den Worten hat bei ihm eine Tür geöffnet. Und kaum war sie auf, verwandelte sich dieses Gefühl in Musik. Nur ein paar Tage nachdem ich ihm den Text geschickt hatte, kam eine erste Klangskizze zurück. Noch in einer Tonart, in der er die Melodie gut selbst einsingen konnte, einfach um herauszufinden, ob wir denselben Vibe spüren.
Und ja. Ich habe es sofort gefühlt. Als ich die erste Version hörte, war ich schlagartig verliebt in diese neue Energie. Plötzlich konnte ich sehen, wie der Song atmet und wohin er sich bewegen will. Wir trafen uns, probierten Ideen aus, lachten viel. Und in mir entstand dieses Kribbeln: die Aufregung darüber, dass ich meinen Text nicht allein in einen Song verwandle, sondern wir ihn gemeinsam entdecken. Im Austausch. Im Miteinander.
Doch ein ONTO-Song wird erst dann vollständig, wenn wir alle vier gemeinsam daran arbeiten. In der nächsten Bandprobe brachten auch Manuel und Max ihre Ideen ein, ihre Handschrift, ihre Klangwelt. Und genau dort geschah dieser magische Moment, den man nicht planen kann. Die meine Textidee wurde zum ONTO-Song. Er bekam Haltung. Ein Rückgrat.
Diese neue Farbe, die dieser Song in unsere Setliste bringt, hat uns sofort begeistert. So sehr, dass wir „Useless“ für unser Konzert im Dezember 2025 vollständig arrangiert haben. Vom ersten Funken im März bis zur Bühne im Dezember hat es fast ein Jahr gedauert. Ein Jahr voller kleiner Schritte, Zweifel, Begeisterung, Klangsuche und Team-Magie.
Auf die Bühne damit!
ONTO - Useless live@Jazzclub Karlsruhe (08.12. 2025)
DANKE Simone für’s Festhalten.
Wenn ein Song zum ersten Mal live erklingt, passiert jedes Mal etwas Magisches. Da sitzen Menschen vor uns, in warmes Licht getaucht, mit erwartungsvollen Blicken. Sie hören Worte, die aus Zweifeln und Unsicherheit geboren wurden, Worte, die vorher nur in Notizen und Probenräumen existierten. Plötzlich schweben sie frei im Raum, suchen sich ihren Weg in fremde Herzen.
Es wird ganz still. Ein gemeinsamer Atemzug entsteht zwischen Bühne und Publikum. Hände ruhen auf Knien, Augen folgen jeder Bewegung, jeder Nuance. Jemand schließt die Augen für einen Moment, weil ein Satz oder ein Klang etwas in ihnen berührt. Rechts kullert eine Träne, links vor der Bühne gibt es ein Aufatmen, ganz vorne ein zustimmendes Nicken. Diese vermeintlichen Kleinigkeiten, die kaum jemand bemerkt, sind für mich wie ein Feuerwerk. Hier entsteht Verbindung. Hier wird Musik zu Begegnung.
Ich würde jetzt nicht unbedingt von einem Hit sprechen, obwohl ich heimlich glaube, dass all unsere Songs das Potenzial dazu haben. ;-) Entscheiden dürfen das aber andere. Was ich jedoch weiß: „Useless“ findet seinen Platz. Nach dem Konzert erreichten mich viele Nachrichten von Menschen, die schrieben, wie sehr dieses Lied sie berührt hat. Eine davon blieb besonders hängen: „This one hits differently.“ Dieser Satz hat mir gezeigt: Dieses Lied bewegt etwas. Es darf Spuren hinterlassen.
Denn in diesem Moment ist „Useless“ nicht mehr nur ein Gedanke in meinem Kopf. Nicht mehr ein halbfertiger Klang in unserem Proberaum. Dieser Song hat die Bühne betreten, hat Herzen erreicht und gehört jetzt allen, die ihn hören.
Und genau deshalb schreibe ich weiter. Auch wenn es manchmal schwer ist. Auch wenn ich mich zwischendurch wieder useless fühle. Denn Musik ist das Gegenteil davon. Sie schafft Verbindung. Sie bringt in Bewegung. Sie macht Mut.