Aufrichtung ist kein Hochziehen

Wenn ich im Unterricht gesagt habe "richte dich mal auf" (FYI: keine gute Anweisung), ist fast immer dasselbe passiert: Die Brust ging nach vorne, das Kinn ein kleines Stück nach oben, die Schultern haben sich nach hinten gezogen, und alle standen da, als würden sie gleich zum Appell antreten. Das ist auch völlig verständlich, denn so haben wir es ja irgendwann gelernt, mit "Brust raus", "Kopf hoch" und dem schönen Bild von dem Faden, der uns am Scheitel nach oben zieht.

Nur gibt es diesen Faden nicht. Es gibt nichts, was uns nach oben zieht. Was es dagegen immer gibt, ist eine Kraft, die uns nach unten zieht, und genau mit der fängt alles an.

DIE SCHWERKRAFT MACHT NIE PAUSE

Die Schwerkraft wirkt auf uns, jeden Tag und jede Sekunde, und wie sehr sie unseren Körper formt, merkt man eigentlich erst, wenn sie fehlt. Astronaut:innen zum Beispiel werden in den ersten 24 Stunden im Weltraum um durchschnittlich fünfeineinhalb Zentimeter länger, weil ohne Schwerkraft die Bandscheiben sich ausdehnen. Das bleibt allerdings nicht so, denn sobald sie wieder auf der Erde sind, schrumpfen sie auf ihr normales Maß zurück.

Ein kleines bisschen davon erleben wir sogar jeden Tag. Morgens sind wir auf der Erde meist ein bis zwei Zentimeter größer als am Abend, weil die Bandscheiben über den Tag durch Schwerkraft und Belastung zusammengedrückt werden.

Und jetzt kommt das, was ich daran so spannend finde: Wir brauchen die Schwerkraft. Nach einem halben Jahr auf der Raumstation kann das Größerwerden mit einer Schwächung der Muskeln einhergehen, die die Wirbelsäule stützen. Unser Körper ist also darauf gebaut, sich gegen etwas aufzurichten. Ohne Widerstand fehlt ihm die Aufgabe.

WIR ALLE HABEN AUFRICHTUNG VON UNTEN GELERNT

Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie lange wir eigentlich gebraucht haben, um aufzustehen? Viele Säugetiere können schon wenige Stunden nach der Geburt stehen, während Menschenkinder in der Regel ein ganzes Jahr brauchen, bis sie ihre ersten eigenen Schritte machen.

Und wie machen sie das? Nicht, indem sie sich nach oben ziehen lassen. Schon ab dem fünften Monat stemmt ein Baby die Beinchen kräftig gegen den Untergrund, wenn man es unter den Achseln festhält. Es drückt sich vom Boden weg, immer und immer wieder, bis es irgendwann steht. Das haben wir alle so gemacht, und dein Körper weiß das noch.

DER BODEN TRÄGT DICH

Wenn wir uns aufrichten, richten wir uns gegen die Schwerkraft auf, und damit gehen wir ganz automatisch in eine Beziehung mit dem Boden. Wir geben Kraft in ihn hinein, und er gibt uns Widerstand zurück.

Eine gute Aufrichtung entsteht dort, wo unser Knochengerüst das Gewicht tragen darf. Dann müssen die Muskeln gar nicht mehr so viel halten, sondern nur noch die Balance, und genau dadurch bleiben sie wach, bereit und beweglich. Sie können auf jede kleine Verlagerung reagieren, statt festzuhalten.

Dafür braucht es ein paar Dinge:

# Guten Bodenkontakt. Du nimmst den Boden als Widerstand wahr, gegen den du dich aufrichtest, und als Ort, an den du dein Gewicht abgeben darfst. Du klebst aber nicht an ihm fest. Der Boden trägt dich.

# Durchlässige Gelenke. Aufrichtung heißt nicht, steif und fest dazustehen, sondern die Bewegung der Aufrichtung durch den ganzen Körper wandern zu lassen, von den Füßen bis zum Kopf.

# Wache, bereite Muskeln. Deine Haltemuskeln dürfen nicht fest werden, denn sie gleichen ständig deine Atembewegungen aus, damit die Aufrichtung erhalten bleibt.

# Ein Knochengerüst, das sich ordnen darf. Wenn die ersten drei Punkte da sind, ordnen sich deine Knochen ganz von selbst so übereinander, dass du aufrecht stehen kannst, mit ganz wenig Anstrengung und frei für jede Bewegung.

Im Stehen und im Gehen findest du den Bodenkontakt über die Füße. Im Stehen kannst du ganz viel Gewicht abgeben, im Gehen etwas weniger, damit du in Schwung bleibst. Und im Sitzen kommen zu den Füßen noch deine Sitzhöcker und die Fläche dazu, auf der du sitzt. Alles andere gilt fürs Sitzen, Stehen und Gehen genauso.

STEHEN IST EIGENTLICH BEWEGUNG

Auch wenn es sich anders anfühlt, stehen wir nie ganz still. Stehen ist ein dynamischer Prozess, den das Nervensystem steuert und bei dem Bein- und Rumpfmuskulatur zusammenarbeiten. Kleine Störungen des Gleichgewichts, zum Beispiel durch die Atmung, werden ständig ausgeglichen, und dabei schwankt der Körper leicht vor und zurück.

Für uns Sänger:innen ist das ein richtig schöner Gedanke. Jede Einatmung verändert deinen Körper ein kleines bisschen, und deine Muskeln antworten darauf. Wenn sie beweglich bleiben dürfen, kann auch deine Atmung frei fließen. Aufrichtung und Einatmung hängen so eng zusammen, dass sie sich gegenseitig unterstützen, und genau hier beginnt die Verbindung zu deiner Stimme.

ZUM NACHDENKEN

Vielleicht magst du diese Fragen einfach eine Weile mit dir herumtragen: Wie stehst du eigentlich, wenn du singst? Hältst du dich eher fest, oder lässt du dich tragen?

IM ORBIT BEKOMMT DIESES THEMA EINEN GANZEN MONAT

Genau daran arbeiten wir im Orbit einen ganzen Monat lang. Im VocalGround geht es um Aufrichtung und Tonus, um deinen Stand, um den Boden unter deinen Füßen und darum, wie viel deine Stimme davon hat.

Wenn du neugierig geworden bist, frag deinen Platz an. Wir sprechen dann zwanzig Minuten und schauen, ob der Orbit für dich passt.

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Mein Weg zum VocalOrbit