Lampenfieber – Feind oder stiller Verbündeter?

Es gibt diesen einen Moment kurz vor dem Auftritt. Man steht hinter der Bühne, hört das Stimmengewirr des Publikums, spürt das Kribbeln in den Händen. Manche nennen es Vorfreude. Andere nennen es Angst. Für viele Musiker:innen ist es beides gleichzeitig, und dieser Zustand hat einen Namen, den fast alle kennen: Lampenfieber.

Ich habe über die Jahre eine Menge darüber gelernt. Nicht aus Büchern, sondern aus Erfahrung. Aus Momenten, in denen meine Stimme zitterte, obwohl ich den Song hundertmal gesungen hatte. Aus Auftritten, bei denen mein Herz so laut schlug, dass ich dachte, das Publikum müsste es hören können. Und aus den Momenten danach, wenn ich in der Garderobe saß und dachte: Warum reagiert mein Körper so, obwohl ich das doch wirklich will?

Lange Zeit habe ich Lampenfieber als Problem betrachtet. Als etwas, das ich überwinden oder kontrollieren müsste. Als etwas, das zwischen mir und meiner besten Leistung steht. Und genau mit dieser Einstellung habe ich mich jahrelang selbst im Weg gestanden.

LAMPENFIEBER IST KEIN ZEICHEN VON SCHWÄCHE. ES IST EIN ZEICHEN DAFÜR, DASS DIR ETWAS WICHTIG IST.

Das klingt vielleicht wie eine Phrase, aber es steckt echte Biologie dahinter. Was wir als Lampenfieber erleben, ist eine körperliche Stressreaktion. Adrenalin wird ausgeschüttet. Das Herz schlägt schneller. Die Sinne werden schärfer. Der Körper bereitet sich vor. Auf was? Auf etwas, das bedeutsam ist. Auf einen Moment, der zählt. Diese Reaktion ist kein Fehler des Systems. Sie ist das System, das funktioniert.

Das bedeutet nicht, dass Lampenfieber sich angenehm anfühlt. Mir ist es mehr als einmal passiert, dass ich kurz vor einem Auftritt dachte: Ich möchte jetzt einfach nicht da rein. Diese Mischung aus Fluchtimpuls und gleichzeitiger tiefer Sehnsucht, auf die Bühne zu gehen, ist ein sehr eigenartiges Gefühl. Ich habe gelernt, dass ich es nicht auflösen muss. Ich muss es nur nicht als das Letzte nehmen, was über den Abend entscheidet.

Ein Wendepunkt für mich war der Moment, in dem ich aufgehört habe zu fragen: Wie werde ich das Lampenfieber los? Stattdessen habe ich angefangen zu fragen: Was brauche ich, damit ich mich trotzdem sicher fühle? Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. Der erste Ansatz kämpft gegen etwas an, das nicht weggeht. Der zweite baut etwas auf, das trägt.


NICHT DAS ZIEL IST, KEIN LAMPENFIEBER ZU HABEN. DAS ZIEL IST, GUT DAMIT UMGEHEN ZU KÖNNEN.

Was das konkret bedeutet, ist für jede Person anders. Für mich ist es zum Beispiel Routine. Ich habe bestimmte Dinge, die ich vor jedem Auftritt tue: kleine Rituale, die meinem Nervensystem signalisieren, dass ich das kenne und vorbereitet bin. Es muss nicht aufwendig sein. Manchmal ist es nur eine bestimmte Atemübung, ein kurzes Einsingen, ein Satz, den ich mir laut sage. Diese kleinen Anker geben Stabilität, besonders wenn gerade alles ein bisschen wackelig wirkt.

Ein weiteres Thema, das ich erst spät richtig verstanden habe, ist die Rolle der Körperhaltung. Nicht im Sinne von Auftreten oder Bühnenpräsenz, sondern ganz physisch. Wenn ich zusammengesunken auf einem Stuhl sitze, die Schultern hochgezogen, flach atme, dann verstärkt das die Anspannung. Wenn ich aufrecht stehe, die Schultern fallen lasse, tief und bewusst atme, dann passiert etwas Interessantes. Der Körper sendet Signale ans Gehirn zurück. Entspannung erzeugt Entspannung. Das klingt simpel, wirkt aber tatsächlich.

Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich wirklich stark mit Lampenfieber gekämpft habe. Es war ein Konzert, das mir sehr viel bedeutete. Das Publikum war groß, der Raum unbekannt, die Technik hatte beim Soundcheck Probleme gemacht. Ich stand kurz vor dem Einlass in einem Seitengang, atmete, versuchte mich zu fokussieren und spürte gleichzeitig, wie meine Gedanken anfingen, Geschichten zu erzählen. Was wenn du anfängst zu zittern? Was wenn die Stimme nicht trägt? Was wenn du den Text vergisst?

Gedanken wie diese sind ein typisches Muster beim Lampenfieber. Der Verstand beginnt, Szenarien zu konstruieren, die noch gar nicht passiert sind. Und in dem Moment, in dem man diesen Geschichten glaubt, werden sie real, zumindest im Körper. Ich habe in dieser Situation eine sehr einfache Sache gemacht: Ich habe aufgehört zu versuchen, die Gedanken zu stoppen. Ich habe sie stattdessen kurz angeschaut und dann gefragt: Stimmt das gerade? Nein. Ist meine Stimme gerade weg? Nein. Weißt du deinen Text? Ja. Dann geh jetzt auf die Bühne.

DER KÖRPER REAGIERT AUF DAS, WAS DER VERSTAND IHM ERZÄHLT. DESHALB LOHNT ES SICH, GENAU HINZUHÖREN, WELCHE GESCHICHTEN MAN SICH KURZ VOR DEM AUFTRITT ERZÄHLT.

Das ist keine Magie und keine Technik, die man einmal lernt und dann perfekt beherrscht. Es ist eine Praxis. Manchmal funktioniert es sofort. Manchmal klappt es erst nach dem ersten Song. Manchmal steht man mitten in einem Stück und merkt, dass man plötzlich ganz da ist, und das Lampenfieber irgendwo im Hintergrund verschwunden ist, ohne dass man genau sagen könnte, wann das passiert ist.

Was ich heute weiß: Vollständige Ruhe vor einem Auftritt ist nicht das Ziel. Ein gewisses Maß an Aufregung gehört dazu. Es macht wach. Es bringt Energie. Es sorgt dafür, dass man nicht zu entspannt auf die Bühne geht und dadurch unter seinen Möglichkeiten bleibt. Das Lampenfieber wird nie ganz verschwinden, und das ist auch gut so. Ich würde mir sogar Sorgen machen, wenn es das täte.

Leseempfehlung: Daniela Nixdorf beschreibt in ihrem Buch Auftrittsangst sehr differenziert, wie sich Lampenfieber von echter Auftrittsangst unterscheidet, und welche mentalen Strategien dabei helfen können, einen gesunden Umgang damit zu entwickeln. Sehr lesenswert für alle, die auf der Bühne stehen.

Wenn du also das nächste Mal backstage stehst und denkst, das Kribbeln wäre ein Zeichen dafür, dass du nicht bereit bist, dann erinner dich kurz daran: Es könnte genau das Gegenteil bedeuten. Dein Körper nimmt diesen Moment ernst. Er gibt dir Energie für das, was jetzt kommt. Die Frage ist nur, was du damit machst.

Für mich ist Lampenfieber heute kein Feind mehr. Es ist ein vertrauter Begleiter, der mich jedes Mal daran erinnert: Das hier ist dir wichtig.

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Veränderung im Innen und im Außen