WIE EIN SET ENTSTEHT. ODER: DIE STILLE KUNST DES ABENDS
Eine Setliste sieht von außen simpel aus. Ein paar Songtitel, eine Reihenfolge, fertig. Was dahinter steckt, ist eine kleine Dramaturgie. Manchmal eine große.
Wir verbringen Zeit damit, ein Set zu bauen, denn die Reihenfolge verändert alles. Ein Abend hat eine Kurve, die man entweder gestaltet oder dem Zufall überlässt. Und wir überlassen sie nicht gerne dem Zufall.
DIE ERSTE FRAGE IST IMMER: WAS KANN ICH WANN SINGEN?
Nicht jeder Song ist zu jedem Zeitpunkt des Abends gleich sinnvoll. Das klingt banal. Aber es ist eine der Entscheidungen, die am meisten darüber bestimmen, wie ein Konzert sich anfühlt. Und zwar nicht nur für das Publikum. Sondern für mich.
Ein anstrengender Song, der viel Kraft kostet, kann ganz am Anfang des Sets stehen, wenn die Energie noch frisch ist, die Stimme aufgewärmt, der Körper bereit. Oder er kann ganz am Ende eines Sets stehen, weil danach sowieso Pause, beziehungsweise Schluss ist. Alles raus, dann Vorhang. Aber in der Mitte, wenn die Stimme schon gearbeitet hat und noch einen langen Weg vor sich hat, kann genau dieser Song zu einem Risiko werden. Nicht weil er schlecht ist. Sondern weil er am falschen Platz steht.
Ich habe das oft genug auf der Bühne gespürt. Den Moment, wo man merkt: das hätte ich jetzt nicht singen sollen. Nicht hier. Nicht nach dem, was gerade war. Nicht vor dem, was noch kommt. Das ist kein Misserfolg. Das ist Erfahrung. Und aus dieser Erfahrung entsteht das Nachdenken über Reihenfolge.
DASSELBE GILT FÜR DIE BAND.
Wenn Maurice, zum Beispiel, im Kontrabass durchgehend schnell walken muss, braucht er danach Luft. Ein ruhigerer Song, eine andere Textur, ein Moment, wo er atmen kann. Wenn Max auf dem Schlagzeug gerade drei Stücke lang durch dichte Grooves getrommelt hat, tut ein Song gut, der ihm etwas mehr Raum lässt. Das denken wir mit. Weil wir crazy professionell sind ;-).
DANN SIND DA DIE TONARTEN.
Zwei Songs in derselben Tonart direkt hintereinander klingen schnell eintönig, auch wenn die Songs selbst völlig verschieden sind. Das Ohr braucht Abwechslung. Nicht immer bewusst. Aber es bemerkt, wenn etwas in der gleichen Farbe bleibt, zu lange, ohne sich zu verändern.
Also achten wir darauf, dass der harmonische Kontext sich verändert. Nicht bei jedem Übergang. Aber oft genug, dass der Abend nicht in eine einzige Stimmung kippt, in der alle Nuancen verschwimmen. Manchmal ist eine kleine Verschiebung genug. Manchmal braucht es einen deutlichen Wechsel. Das Ohr weiß den Unterschied, auch wenn der Kopf ihn nicht benennen kann.
DANN SIND DA DIE TONARTEN.
Zwei Songs in derselben Tonart direkt hintereinander klingen schnell eintönig, auch wenn die Songs selbst völlig verschieden sind. Das Ohr braucht Abwechslung. Nicht immer bewusst. Aber es bemerkt, wenn etwas in der gleichen Farbe bleibt, zu lange, ohne sich zu verändern.
Also achten wir darauf, dass der harmonische Kontext sich verändert. Nicht bei jedem Übergang. Aber oft genug, dass der Abend nicht in eine einzige Stimmung kippt, in der alle Nuancen verschwimmen. Manchmal ist eine kleine Verschiebung genug. Manchmal braucht es einen deutlichen Wechsel. Das Ohr weiß den Unterschied, auch wenn der Kopf ihn nicht benennen kann.
UND DANN IST DA DIE FRAGE, WELCHE SONGS THEMATISCH ZUSAMMENPASSEN.
Welche Stimmungen sich sinnvoll berühren. Welche sich gegenseitig aufheben. Ein sehr schwerer Song direkt nach etwas Leichtem kann genial sein. Der Bruch kann genau das sein, was gebraucht wird. Oder er lässt das Leichte im Nachhinein zu schnell verschwinden, als wäre es gar nicht da gewesen.
Das spürt man. Und wenn man es falsch entschieden hat, merkt man es spätestens auf der Bühne. Nicht immer sofort. Manchmal erst im zweiten oder dritten Song danach, wenn man merkt, dass etwas nicht mehr trägt, dass der Abend eine Richtung eingeschlagen hat, die sich nicht richtig anfühlt.
Das passiert. Und dann lernt man daraus.
GESCHWINDIGKEIT. METRUM. RHYTHMISCHES HABITAT.
Was die meisten nicht denken, wenn sie über Setlists reden: die Beine hören mit. Nicht nur die Ohren.
Ein 4/4-Groove, vier Songs hintereinander, jeder auf den Punkt. Das hat Energie. Aber irgendwann fühlt sich dieses Netz aus regelmäßigen Betonungen an wie eine Autobahn ohne Ausfahrt. Alles fließt, aber alles gleich.
Deshalb ist die rhythmische Abwechslung für uns mindestens so wichtig wie die harmonische. Wenn ein Song im Bossa Nova schwebt und der nächste im Swing pendelt, ist das nicht nur ein Stilwechsel. Es verändert den ganzen Körpergefühl des Zuhörens. Ein 5/8-Takt, der kurz das Gleichgewicht des Publikums testet. Ein 7/8, der das Ohr aufweckt, weil es nicht einfach mitzählen kann. Ein stiller Walzer nach einem treibenden 4-to-the-Floor-Song.
ES GIBT NOCH EINE KATEGORIE, ÜBER DIE ICH NOCH NICHT SEHR LANGE LAUT SPRECHE.
Manche Songs sind für mich emotional nicht einfach. Ich schreibe über Dinge, die mich bewegen. Manchmal über Dinge, die ich noch nicht ganz verarbeitet habe. Das gehört dazu. Songwriting ist kein Therapieersatz, aber es ist auch keine Übung ohne Konsequenz.
Diese Songs zu singen, bedeutet, einen inneren Raum zu öffnen. Jedes Mal. Vor Menschen, die ich meistens nicht kenne. Das ist eine Entscheidung, die ich bewusst treffe.
Aber zwei solche Songs hintereinander zu singen, das ist etwas anderes. Das zehrt. Nicht weil die Musik zu viel ist. Sondern weil der Körper und meine Stimme und mein emotionaler Haushalt keine Maschine sind. Wenn ich zu lange in einem schweren Raum bleibe, ohne Luft zu holen, dann höre ich es. Dann spürt es das Publikum.
Also bauen wir Abstände ein. Als Atemraum. Für mich. Und für das Publikum, das diese Songs vielleicht auch nicht leicht hört.
UND AM ENDE: DIE ZUGABE.
Die Frage, die wir uns jedes Mal stellen, ist: Wie soll der Abend nachklingen?
Sollen alle noch einmal aufstehen, tanzen, mit einem tosenden Abschluss nach Hause gehen? Oder bekommen sie ein Gute-Nacht-Lied? Etwas Leises, das sie noch eine Weile begleitet, wenn sie im Auto sitzen oder zu Fuß durch die Nacht nach Hause laufen?
Beides ist richtig. Aber es ist eine Entscheidung. Und sie gehört genauso zur Musik wie die Songs selbst.
Und ein kleiner Service Hinweis: Zugaben sind bei uns natürlich geplant. Uuuuund Ich will sie ALLE singen. Immer. Auch wenn ich so tue, als gäbe es keine. Du kennst das Spiel! Und du weißt ja sicher was zu tun ist, damit wir wieder zurück auf die Bühne kommen ;-)